Rezensionen


 
Geschichte quer stellt in jedem Heft zahlreiche Bücher und Broschüren vor, auch solche, die nicht im VLB zu finden sind...
 
Antonia Leugers: Gegen eine Mauer bischöflichen Schweigens. Der Ausschuß für Ordensangelegenheiten und seine Widerstandskonzeption 1941 bis 1945, Frankfurt am Main 1996 (Verlag Josef Knecht).
Auf den 550 Seiten ihres Buches beschäftigt sich Antonia Leugers mit dem noch wenig erforschten Ausschuß für Ordensangelegenheiten, der die Verbindung zwischen den katholischen Bischöfen und Widerstandskreisen im “Dritten Reich” herzustellen bemüht war.
Der Titel beleuchtet schlaglichtartig die beiden großen Kapitel der Publikation.
Im ersten Teil, reichlich hundert Seiten lang, entfaltet die Verfasserin das bekannte Verhalten der Mehrheit der katholischen Bischöfe Deutschlands den nationalsozialistischen Machthabern gegenüber: die “Mauer bischöflichen Schweigens”. So betonte der Vorreiter dieser Mehrheit, der Breslauer Kardinal Bertram, als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz in einem Schreiben “’(i)n ehrerbietigstem Gehorsam’” an den “’Hochgebietende(n) Herr(n) Reichskanzler und Führer’” zu Hitlers 50. Geburtstag die “’ebenso vaterländische wie religiöse Pflicht der Treue zum jetzigen Staate und seiner regierenden Obrigkeit im Vollsinne des göttlichen Gebotes, das der Heiland selbst und in seinem Namen der Völkerapostel verkündet hat’” (S. 84f). Leugers stellt nicht nur diese devot-anbiedernde Haltung des höchsten deutschen Klerus ausführlichst dar, sondern sucht auch durch Erstellung eines Sozialprofils der Bischöfe die mangelnde Resistenz dieser Gruppe gegenüber den Nationalsozialisten zu erklären. Die Herkunft aus der unteren Mittelschicht (“Bauern- und Handwerkerschaft — aus dörflichem bis landstädtischem Umfeld”) und die “gleiche Sozialisation” dieser Männer habe sie so stark geprägt, daß obrigkeitshörige Denkmuster mit nationalistischen Einstellungen sich zu einer konservativen Melange verbunden hätten (S. 61ff). Zu einer Systemkritik waren diese Bischöfe weder fähig noch willens; somit trugen sie zur Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse bei.
Das Kollegium der deutschen Bischöfe bestand aber nicht nur aus der Mehrheit anpassungswilliger Männer wie Bertram, sondern auch aus einer kleinen Gruppe von Geistlichen, die, z. T. aus prinzipieller Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, auf eine konsequente Widerstandspolitik drängten. Der Exponent dieser Richtung, von Leugers als “Lichtgestalt” gegen den “Finsterling” Bertram aufgebaut, war der Berliner Bischof Graf Preysing. Dieser adlige Weltmann mit diplomatischer Karriere vor seiner abrupten Hinwendung zum Priesterberuf suchte ab Herbst 1940 seine Kollegen nicht nur zu strikter Verteidigung kirchlicher Interessen, sondern auch zu einer Verurteilung der ständigen schweren Menschenrechtsverletzungen durch die Nationalsozialisten zu drängen.
Im zweiten Teil des Buches untersucht Leugers die bis jetzt kaum erforschte Tätigkeit des Ausschusses für Ordensangelegenheiten, der sich anläßlich des Vorgehens der Nationalsozialisten gegen katholische Klöster ab 1941 bildete. Preysing und der Fuldaer Bischof Dietz gehörten diesem neuen Gremium um die Pater Siemer, Rösch, Braun, König und den Laien Angermaier ebenfalls an. Erstere schufen eine Verbindung zur deutschen Bischofskonferenz. Die Angehörigen dieses Ausschusses waren z. T. erbitterte Gegner des Nationalsozialismus (wie z. B. der Franke Angermaier, Justitiar der Diözesen Bamberg und Würzburg), arbeiteten konspirativ und nahmen damit eine persönliche Verfolgung durch das NS-Terrorregime bewußt auf sich. Sie knüpften Verbindungen zu konservativen Widerstandskreisen (z. B. Kreisauer Kreis) und waren sehr wahrscheinlich auch in die Pläne um das Attentat gegen Hitler am 20.7.1944 eingeweiht.
Die Theologin Leugers zeigt in ihrer Arbeit die quälend zähen Versuche des Ausschusses, die deutsche Bischofskonferenz zu einer entschiedeneren Oppositionshaltung gegen das NS-Regime zu veranlassen. Diese Versuche waren kaum erfolgreich: Einzig der Text des von den Ausschußmitgliedern mitformulierten und dann hart gegen die konservativen Bischöfe erkämpften “Dekalog”-Hirtenbriefs im Jahre 1943 wandte sich einigermaßen deutlich gegen die andauernden, schweren Menschenrechtsverletzungen des NS-Regimes.
Nach der Lektüre von Antonia Leugers sehr breit angelegtem Werk mit ausführlichen Ausflügen in rein innerkirchliche Diskussionszusammenhänge (siehe z. B. die Ableitung der Hirtenbrieftexte aus moraltheologischen Zusammenhängen) bleibt dem Leser die Erfahrung, einen bislang unbekannten Bereich katholischen Widerstands kennengelernt zu haben, aber auch die gefestigte Enttäuschung über das Verhalten der katholischen Bischöfe gegenüber den Nationalsozialisten.
Stephan Link
 
Michael Kamp: Die touristische Endeckung Rothenburgs ob der Tauber im 19. Jahrhundert. Wunschbild und Wirklichkeit, Schillingsfürst 1996, 333 Seiten, zahlreiche Abbildungen, DM 29,80
Denkt man an Auswüchse im bayerischen Tourismus, so fallen einem ohne langes Nachdenken Neuschwanstein und Rothenburg ob der Tauber ein. Die Stadt an der Tauber bringt es derzeit auf immerhin zwei Millionen Tagesgäste pro Jahr. Angesichts der Menschenmassen, die sich heute das ganze Jahr über durch die Herrn- und die Schmiedgasse schieben, fällt die Vorstellung schwer, daß noch Anfang des 19. Jahrhunderts Gäste mehr oder weniger zufällig nach Rothenburg gerieten. Wie nun konnte im Verlauf des 19. Jahrhunderts aus dieser unbedeutenden und unbekannten Ackerbürgerstadt ein derart beliebter Fremdenverkehrsort werden? Dieser Frage geht der Volkskundler und Bauforscher Michael Kamp nach, dessen 1988 an der Universität Regensburg entstandene Examensarbeit die Grundlage für vorliegende Publikation bildete.
Kamps Darstellung beginnt — nach einer kurzen stadtgeschichtlichen und bauhistorischen Einführung — mit dem Niedergang Rothenburgs nach dem Ende der reichsstädtischen Souveränität im Jahre 1805. Durch die Neuordnung der Grenzen nach den Pariser Verträgen im Jahre 1810 rückte die Stadt an der Tauber in eine  geographisch  wie  verkehrstechnisch ungünstige Grenzlage mit negativen Folgen für die lebensnotwendigen Handelsbeziehungen mit dem Umland, was erhebliche wirtschaftliche und soziale Probleme für die Stadt nach sich zog. Anschaulich zeigt der Autor anschließend chronologisch in fünf Kapiteln den Umwandlungsprozeß von dem ärmlichen kleinen Tauberstädtchen zum “Nationaldenkmal” (S. 258) auf. Sein touristisches ‘Coming out’ verdankt Rothenburg dabei kurioserweise dem Deutschen Krieg von 1866, als tausende Soldaten in der Stadt Quartier bezogen und nach Kriegsende zu Hause von der Tauberstadt berichteten. Dem Militär folgten Maler, Gelehrte und erste Kulturtouristen, die in der Zeit der Modernisierung und sozialen Umbrüche das reine deutsche Mittelalter suchten und in der ehemaligen Reichsstadt mit dem unversehrten Stadtbild fanden. Begünstigt durch die Anbindung an das Eisenbahnnetz 1872/73 brach bald darauf das “touristische Zeitalter” (S. 99) in Rothenburg an. Breiten Raum in der Darstellung nimmt die Entstehungsgeschichte des historischen Festspiels “Der Meistertrunk” ein, eine 1881 uraufgeführte, “dramatische Mischung aus Dichtung und Wahrheit” (S. 111), die eine ortsbezogene Episode aus dem Dreißigjährigen Krieg thematisiert und die zu einem erheblichen Wirtschafts- und Werbefaktor für die Stadt wurde. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist Rothenburg endgültig Fremdenverkehrsmetropole geworden mit der Folge einer zunehmenden Musealisierung der Stadt. Kamp zeichnet das Bild eines kommunalen Gemeinwesens, das spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Bewahrung der gewinnträchtigen “alten deutschen Stadt” zum Primat des Handelns erhob. Diesem Ziel dienten neben der “Inszenierung Rothenburgs” (S. 151) durch den “Meistertrunk” oder historische Umzüge vor allem ein rigider “Baufolklorismus” (S. 252), der Gestaltpluralismus nicht zuließ und “banalromantische Vorstellungen vom Mittelalter mit rustikalem Fachwerk und Spitzbogenidylle” (S. 252) zum Programm erhob.
Die mit reichlich Abbildungen versehene Darstellung hat alle Vorzüge, die ein gutes wissenschaftliches Buch zu einem kulturgeschichtlichen Thema braucht: Sie basiert auf soliden Quellengrundlagen — davon zeugt ein fulminanter Anmerkungsapparat und ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis —, sie hat einen quellenkritischen Ansatz, ist bestens lesbar und durch ein Personen-, Sach- und Ortsregister zudem auch überaus ‘servicefreundlich’. Vermißt man überhaupt etwas, dann vielleicht ein Resumée, das die ungeheure Materialfülle abschließend bündelt und reflektiert. Die Lesbarkeit des Buches hängt mit Kamps Sprache zusammen: Sie ist direkt, manchmal provokant, in jedem Fall ohne Respekt vor dem “Nationaldenkmal” an der Tauber, an dem Kamp kräftig kratzt und unter dessen Sockel er schaut. Das Buch macht neugierig auf eine Fortsetzung der Tourismusgeschichte Rothenburgs, die mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg reichlich Stoff bietet.
Herbert May
 
 Mägde, Knechte, Landarbeiter. Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in Süddeutschland, hrsg. von Hermann Heidrich, Bad Windsheim 1997 (Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums, Bd. 27), DM 25
 Noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war Landarbeit ohne die Hilfe und Unterstützung durch das Gesinde und die ländlichen Dienstboten kaum vorstellbar. Trotzdem erscheint es uns so, als ob Mägde und Knechte eine Erscheinung aus urdenklichen Zeiten sind. Der vorliegende Band mit Beiträgen von 17 Autoren aus dem Umfeld der bayerischen und baden-württembergischen Freilichtmuseen beleuchtet aus verschiedensten Blickwinkeln die Lebens- und Arbeitsverhältnisse dieser ländlichen Unterschicht, wobei aus der Sicht der historischen Hausforschung auch die besonderen Wohnbedingungen von Mägden und Knechten — meist in eigenen Kammern und nicht im Stall bei den Tieren, wie oft kolportiert wird — untersucht werden.
Der zeitliche Schwerpunkt bildet dabei die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, was auch damit zusammenhängt, daß der mündlichen Geschichtsschreibung ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird und demzufolge auch die Protagonist(inn)en selbst zahlreich zu Wort kommen. In diesen auf Interviews basierenden Beiträgen wird einmal mehr mit der Legende von der “guten alten Zeit” aufgeräumt und und der mit Arbeit vollgepackte 14-Stunden-Tag einer Magd oder eines Knechtes beschrieben, der im Sommer meist zu einem 17-Stunden-Tag wurde. Ziel einer jeden Magd und eines jeden Knechts war der Aufbau einer eigenen bäuerlichen Existenz, der “Traum vom eigenen ‘Sachl’”, so eine Magd aus dem Rupertiwinkl im Berchtesgadener Land in dem Beitrag von Ariane Weidlich und Sieglinde Reif. Doch war der Traum realisiert, brachte dies kaum Erleichterung für die Lebenssituation der Frauen, im Gegenteil: Nun mußte neben Kindererziehung, Hausarbeit und Stallarbeit oft auch die körperlich ungeheuer schwere Feldarbeit bewältigt werden.
Auch die Zwangsarbeit Kriegsgefangener auf dem Lande während des Ersten, vor allem aber während des Zweiten Weltkrieges ist Thema des Bandes. Hier hätte man sich allerdings mehr Berichte der eigentlich Betroffenen gewünscht und nicht nur der Bauern und Bäuerinnen, bei denen die Zwangsarbeiter(innen) beschäftigt waren. Die Rezeption der Briefkorrespondenz eines ehemaligen französischen Kriegsgefangenen mit der Besitzerin eines Hofes im Landkreis Tirschenreuth, wo selbiger zwangsweise beschäftigt war, sagt nur wenig aus über die damaligen Arbeitsbedingungen.
Glänzend und umfassend recherchiert ist der Beitrag von Ulrike Marski über die auf Bauernhöfen beschäftigten “Arbeits-Maiden”, d.h. über den weiblichen Arbeitsdienst, der von den Anfängen 1933 über die Integration in den Reichsarbeitsdienst bis zur Auflösung der Arbeitsdienstlager dargestellt wird. “Das hatte alles nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun” ist der Tenor der befragten ehemaligen Arbeitsdienstlerinnen zu einem Erziehungs- und Propagandainstrumentarium sowohl für Mädchen als auch für die Landbevölkerung, das die nationalsozialistische “Blut und Boden-Ideologie” transportierte und die “artgemäße” Schulung der Frauen für Haushalt und Mutterschaft betrieb.
Hervorzuheben sind die auch technisch teils hervorragenden Abbildungen zu manchen Beiträgen, Momentaufnahmen einer untergegangenen Lebenswelt, die vor allem im schon erwähnten Beitrag über das Magdleben im Rupertiwinkel von ungewöhnlicher Authentizität sind und überwiegend vom Roßknecht des Hofes Mitte der 1920er Jahre gemacht wurden, der bereits eine eigene Kamera besessen hat!
Das Buch ist zugleich Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, die seit April 1997 in neun süddeutschen Freilicht- und Landwirtschaftsmuseen gezeigt wird. Ab Ende Mai 1998 ist sie im niederbayerischen Freilichtmuseum Massing zu sehen, danach wandert sie noch in die Freilichtmuseen Bad Windsheim (Mittelfranken), Glentleiten (Oberbayern), Neusath-Perschen (Oberpfalz) sowie in das Bauernhofmuseum Kleinlosnitz (Oberfranken) sowie in das Gerätemuseum Ahorn bei Coburg (Oberfranken).
 Herbert May
 
Blickwinkel Aschaffenburg. Ein Gang durch die Stadt und ihre Geschichte, Hg. von Albrecht Sylla, Martin Hahn und Roland Ebert, Alibri Verlag, Aschaffenburg 1996, DM 29,80
Aschaffenburg, von dem heute viele sagen, es sei “das letzte Haar an der Schwanzspitze des bayerischen Löwen” kam erst 1814 (wieder) zu Bayern. Viele Jahrhunderte war es nur eine unbedeutende Landstadt im Herrschaftsgebiet der Mainzer Erzbischöfe, wo sie einen zweiten Residenzsitz hatten. Erst in der napoleonischen Zeit erfuhr die Stadt eine Aufwertung, als der Napoleon treuergebene Fürstprimas und Mainzer Erzbischof Carl Theodor von Dalberg Aschaffenburg für die wenigen Jahre seiner Herrschaft zu seiner Residenz erkor, eine Universität einrichtete, Bildung und Kunst förderte und das Stadtbild nachhaltig veränderte.
Der Schwerpunkt dieser kleinen kompakten Stadtgeschichte Aschaffenburgs liegt auf der politischen Entwicklung der Stadt, auf der Industrialisierung, v.a. der Textilindustrie und der Arbeiterbewegung, und der Geschichte im “Dritten Reich”. Die Beschreibung kunstgeschichtlicher Sehenswürdigkeiten tritt etwas in den Hintergrund. Bei aller Knappheit bemühen sich die Autoren um ausgewogene und differenzierte Beurteilungen der jeweiligen Epochen.
Das Buch entstand aus einer Arbeitsgemeinschaft der GEW, die sich seit 1988 mit der Geschichte Aschaffenburgs auseinandersetzt. Obwohl als chronologisch aufgebautes Lesebuch angelegt, so ist doch der Untertitel des Buches “ein Gang durch die Stadt und ihre Geschichte” nicht nur metaphorisch zu verstehen, sondern will einladen, die Spuren der Geschichte vor Ort zu entdecken. Ein beigefügter Stadtplan verweist auf die historischen Stätten.
Schade für Nicht-Aschaffenburger ist, daß die Nachkriegszeit nicht eingehender behandelt wird. Sicherlich ist es ein heißes Eisen, wie man angesichts der Zerstörungen des letzten Krieges mit historischen Überresten umgeht und sie gestaltet. Das letzte Kapitel läßt die Konfliktlinien in der Denkmalpflege immerhin erahnen. Die Veränderungen, die sich in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zunächst durch die Teilung Deutschlands, dann aber auch durch die Wiedervereinigung und Öffnung der Grenzen auch für Aschaffenburg ergeben haben, bleiben ausgespart — vielleicht weil sie in A. (noch) kontrovers diskutiert werden? Dennoch — wer einen schnellen Einstieg und Überblick über die Geschichte Aschaffenburgs sucht, ist hier sehr gut bedient.
Eva Strauß
 
Marita A. Panzer und Elisabeth Plößl: Bavarias Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten, Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 1997, DM 58
Nach 144 Jahren Ruhmeshalle und 77 aufgestellten Männerbüsten ereilte 1997 eine göttliche Eingebung die Bayerische Staatsregierung, die alsbald der Kultusbürokratie befahl, daß hinfort auch Frauen in die Halle der berühmten Bayern aufgenommen werden sollen. Schnell wurden zwei — in München! — relativ bekannte Frauen, Lena Christ und Clara Ziegler, ausgewählt. Wenn die Herren der Schöpfung aus der Staatskanzlei oder der Akademie der Wissenschaften im Hofgarten spazierengehen, sind sie sicherlich auch einmal an dem von Clara Ziegler gestifteten Theatermuseum vorbeigekommen. Aber welche anderen berühmten — oder auch berüchtigten — Frauen hat die bayerische Geschichte aufzuweisen?
Eine wahre Fundgrube bietet das vorliegende Buch, das zwei in der bayerischen Frauengeschichte ausgewiesene Historikerinnen vorgelegt haben. Natürlich finden wir hier auch bekannte Frauen wie Lola Montez, Liesl Karlstadt oder Berta Hummel. Die allermeisten jedoch sind allenfalls SpezialistInnen oder den jeweiligen LokalhistorikerInnen bekannt. Die Autorinnen wollen jedoch Frauen aus allen Landesteilen, die einmal bayrisch waren oder sind, bekannt machen. In kurzen, meist zwei bis vierseitigen Porträts werden rund 80 Frauen aus allen Schichten vom 15. bis zum 20. Jahrhundert vorgestellt. Religiöse Frauen, Wohltäterinenn und Stifterinnen, Regentinnen und Herrscherinnen (hier finden wir KEINE bayerische Königin!), Mätressen und unstandesgemäße Ehefrauen, Ehe- und Familienfrauen, erwerbstätige Frauen, Wissenschaftlerinnen und Lehrerinnen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, Tänzerinnen und Sportlerinnen, Rebellinnen und Widerstandskämpferinnen, ausgegrenzte und straffällige Frauen, verfolgte Frauen, Frauenrechtlerinnen, Arbeiterinnenvertreterinnen und Politikerinnen.
Bereits in der Aufzählung klingt an, daß weniger die Berühmtheit einzelner Frauen für die Aufnahme in das Buch ausschlaggebend war. Vielmehr soll die Bandbreite weiblicher Lebensentwürfe aufgezeigt werden. Die Auswahl ist, wie die Autorinnen gerne eingestehen, auch subjektiv. Deshalb wird sicherlich manche Leserin ausrufen: “Also nein — die xy hätte ICH nicht aufgenommen, da hätte doch viel eher qz eine Kurzbiographie verdient!” Und manche Leserin wird das Buch in seiner Ausgewogenheit als zu politisch und religiös korrekt empfinden.
Die Herren aus der Staatskanzlei und dem Kultusministerium müssen jetzt hoffentlich nicht mehr monate- und jahrelang darüber nachdenken, welchen Frauen noch Büsten in der Ruhmeshalle gebühren ....
Eva Strauß
 
Günther Gerstenberg: Freiheit! Sozialdemokratischer Selbstschutz im München der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, 2 Bände u. eine CD mit Liedern der Arbeiterbewegung, Edition Ulenspiegel, Andechs 1997, DM 98
Am Anfang stand ein Fund in einem alten Schrank mit vielen alten Fotoalben. Das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung hat diese Fotos restaurieren lassen, denn es waren Dokumente der Münchner Arbeiterbewegung zu sehen. Die Bilder waren die Grundlage für die detaillierten Ausführungen von Günther Gerstenberg über Anfänge, Organisationsformen und Ende des sozialdemokratischen Selbstschutzes in München.
Die unruhige innenpolitische Situation in München vor dem Hitlerputsch 1923 wird aufgezeigt, dazu gehört auch Auers Fehleinschätzung Hitlers 1922. Parallel zum Anwachsen und der zunehmenden Dreistigkeit nationaler Verbände baute auch die SPD eine eigene Sicherheitsabteilung auf. Noch im Sommer 1923 begann man die südbayerischen Organisationen zusammenzuschließen. Diese Sicherheitsabteilungen waren Vorläufer des Reichsbanners, dessen Münchner Sektion im Juli 1924 im Bürgerbräukeller ins Leben gerufen wurde. Der Reichsbanner war keine Parteiorganisation der SPD — in ihm fanden sich auch linksliberale und andere demokratische Kräfte — aber er war, zumindest in München, SPD-dominiert. Der SPD-nahe Selbstschutz hatte aber gerade hier einen schweren Stand, da die Stadt ein Sammelbecken der nationalistischen Verbände war, die auch von den herrschenden Parteien und Politikern kräftig unterstützt wurden. Demgegenüber unterlagen die Aufmärsche der Sozialdemokraten bürokratischen Auflagen, polizeilicher Beobachtung und Beschränkungen. Gerstenberg sieht die Rolle des soz.dem. Selbstschutzes durchaus kritisch, wenn er betont, daß man zur Einweihung des Kriegerdenkmales im Hofgarten gerne mit von der Partie gewesen wäre und sich zu den nationalen Verbänden gesellt hätte. Er verschweigt auch nicht den Antisemitismus, der vor dem Reichsbanner nicht Halt machte und zur Ausgrenzung jüdischer Mitgliedsverbände führte.
Die wachsende Gewaltbereitschaft und Militarisierung ging an diesem Verband nicht spurlos vorüber. Eine eigene Kleinkaliberschützenabteilung wurde aufgebaut und gepflegt — KritikerInnen aus dem pazifistischen Lager hingegen ausgegrenzt und politisch entmachtet. Der Reichsbanner war ein rein männerbündischer Verband und es ist kein Wunder, daß es v.a. auch Frauen waren, die Kritik an ihm übten. Gerstenberg zeigt auch die innerparteilichen Auseinandersetzungen und Flügelkämpfe auf. So befaßt sich das Buch nicht nur mit dem Reichsbanner, sondern stellt auch eine Geschichte der Münchner SPD in den 20er Jahren dar. Die engagiert geschriebene und materialreiche Studie wird ergänzt durch den zweiten Band, einem Nachschlagewerk mit vielen Dokumenten, biographischen Hinweisen (nicht nur) zu den SPD-Mitgliedern der Weimarer Republik und einer CD mit Musik (Märschen, Liedern) der Arbeiterbewegung, die etwas von der Atmosphäre dieser Zeit aufleuchten lassen.
Eva Strauß
 
Angelica Dullinger (Hrsg.): “Wir sind der Gipfel”. Im Peace-Train zur 4. Weltfrauenkonferenz. Lebensläufe von Frauen — Perspektiven für Frieden, Universitätsverlag Leipzig 1997, 260 Seiten, DM 25
Ein betresster Mann mit dem Aussehen eines Operettengenerals hebt den Taktstock: immergleiche Hymnen werden geschmettert. Alte Männer entsteigen unförmlich, aber mit bedeutungsschwangeren Blicken den Staatslimousinen, während hunderte von Fernsehkameras auf sie gerichtet sind und hunderte von Polizisten sich das Volk ansehen. Nach dem Bankett zieht “man” sich zum “Gipfel”treffen zurück und ordnet die Welt neu, während die First Ladys ihrer Freude Ausdruck geben, das Kultur- und Sozialprogramm absolvieren zu dürfen, und insgeheim dafür nach Gründen suchen.
Kontrast: 1995 fuhren 234 Frauen aus 42 Ländern drei Wochen lang 22.000 Kilometer mit dem Peace-Train zur 4. Weltfrauenkonferenz nach Peking. Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit hatte diese Reise realisiert, die in Hauptstädten der Länder Halt machte, die von Kriegen besonders heimgesucht waren. Das Ziel war, sich über die Zusammenhänge, die zu Krieg und Gewalt führen, zu informieren, sich klar zu werden, daß diese Zusammenhänge verändert werden müssen, und sich mit den Kriegsgegnerinnen zu solidarisieren.
Das eben erschienene Buch über den Peace-Train, das Angelica Dullinger süffisant “Wir sind der Gipfel“ betitelt hat, besteht aus zwei Teilen. Der einleitende Essay stellt die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit vor, schildert die Geschichte der Weltfrauenkonferenzen und ihre Bedeutung für deutsche Frauen, diskutiert die Positionen der Liga und schildert das klägliche Versagen des Deutschen Frauenrats, der die deutsche Beteiligung an der Weltfrauenkonferenz koordinieren sollte.Die noble Zurückhaltung des Deutschen Frauenrats wundert aber nicht mehr, wenn wir die Forderungen des Friedenszelts der Pekinger Zusammenkunft hören:
“ - die Versprechungen der vorausgegangenen UN-Konferenzen einzulösen,
- Maßnahmen zu ergreifen, um Forschung, Produktion und Verkauf von Waffen einzustellen und dem UN-Waffenregister beizutreten,
- die Militärhaushalte um die Hälfte zu reduzieren (in einer UN-Resolution vor 15 Jahren beschlossen), um den geforderten Umbau der Strukturen auch finanzieren zu können,
- die Entwicklung, Produktion, Lagerung und den Gebrauch von nuklearen, biologischen und chemischen Waffen zu verbieten,
- von Frauen geführte Zentren zu Konfliktmanagement und Konfliktprävention in konfliktträchtigen Regionen einzurichten, die über die UN finanziert werden,
- die Demokratisierung des Sicherheitsrates zu unterstützen und allerorten
- Friedenserziehung in die Lehrpläne aufzunehmen.”
Eine Woche nach der Weltfrauenkonferenz reiste H. Kohl nach Peking, um alles wieder gut zu machen und einen neuen Rüstungsgütertransfer zu vereinbaren: Deutsche Waffen, deutsches Geld, über alles in der Welt!
Der zweite Teil des Buches von Angelica Dullinger umfaßt dreißig Interviews mit Frauen, die am Peace-Train teilnahmen, unter ihnen zehn Frauen aus Bayern!! Sie machen deutlich, wie unterschiedliche Ausgangslagen und sogar gegensätzliche Motivationen dennoch in gemeinsames Handeln münden.
Das alte Motto der Geschichtswerkstättenbewegung “Grabe, wo du stehst” hat ja zu vielen bequemen Mißverständnissen geführt: Wer sich in erster Linie mit seinem engeren Umfeld befaßte, mußte sich nicht mehr mit Theorie, mit großen Zusammenhängen und ihren Widersprüchen beschäftigen. Er orientierte sich im Kleinen und rieb sich nur dann verwundert die Augen, wenn neben ihm die Katastrophe stattfand.
Um so wichtiger ist ein Buch, das Feinstoffliches und übergeordnete Strukturen eng miteinander verknüpft. Die interviewten Frauen geben Einblick in ihren persönlichen Werdegang, ihre Wünsche und Utopien und vermitteln eindrucksvoll, warum sie sich mit 30.000 Frauen aus allen Kontinenten in Peking zu ihrer Gipfelkonferenz trafen, um die Welt zu verändern. Daß es ihnen in vielem schon gelungen ist, macht Mut.
Günther Gerstenberg
 
Fichtl Franz u.a.: “Bambergs Wirtschaft judenfrei”. Die Verdrängung der jüdischen Geschäftsleute in den Jahren 1933 bis 1939. Collibri Verlag, Bamberg 1998, 407 S., zahlreiche Abbildungen, ISBN 3-926946-38-5, DM 48,00
Die sogenannte “Entjudung”, das heißt die Ausgrenzung und Ausschaltung jüdischer Geschäftsleute und Unternehmer aus dem kommunalen Wirtschaftsleben im “Dritten Reich” und die mit dem verharmlosenden (NS-)Begriff der “Arisierung” umschriebene Enteignung jüdischen Besitzes, sind eines jener mit Tabus belegten Kapitel der NS-Geschichte, die in ihrer Tragweite gerade auf lokaler Ebene noch völlig unzureichend erforscht sind. Nach Untersuchungen zu Marburg (1994), Göttingen (1997) und Hamburg (1998) hat jetzt die IMPULS-Geschichtswerkstatt Bamberg e.V. eine weitere Monographie zu diesem hochbrisanten Thema erarbeitet – die erste ihrer Art im süddeutschen Raum.
Im Mittelpunkt dieser fundierten Lokalstudie stehen Genese und  Vollzug der “Entjudung” der Bamberger Wirtschaft in den Jahren 1933 bis 1939 in Form von zunächst “freiwilligen”, später erzwungenen “Arisierungen” oder Liquidierungen  jüdischer Unternehmen. Fabrikanlagen, Geschäfte, Liegenschaften und Warenlager wurden unter Druck enteignet – und meist auch unter Wert verkauft. Als Quellenbasis werteten die vier Autor/innen Franz Fichtl, Stephan Link, Herbert May und Sylvia Schaible neues, bislang unzugängliches Material aus, u.a. die Arisierungsakten der Industrie- und Handelskammer Bayreuth ab 1938 und Akten der Rückerstattungs- und Wiedergutmachungskammern in Bayern nach 1945. Einfühlsam belebt und bereichert wird die Untersuchung durch “Oral-History” mit “Arisierungs”-Opfern oder deren Nachkommen, aber auch durch nichtjüdische Bamberger Zeitzeugen, die in jenen Jahren in den untersuchten Betrieben beschäftigt waren. Der Arbeit angegliedert ist ein umfassendes Firmenverzeichnis mit knapper Beschreibung aller von den Autor/innen erfaßten “vergessenen” jüdischen Unternehmen sowie ausführliche Firmengeschichten einzelner Betriebe.
Der lokalhistorischen Bamberger Untersuchung kommt zweifellos überregionale Bedeutung zu, kann sie doch einige bisher gängige Thesen zur “Arisierung” und Liquidierung jüdischer Geschäfte zwischen 1933 und 1938 widerlegen. So ergab die Recherche der Bamberger Autor/innen, daß die “Entjudung” in der damals etwa 54.000 Einwohner zählenden, mehrheitlich katholischen Kleinstadt Bamberg keineswegs schneller oder früher durchgeführt werden konnte als in großen Städten. Das spezifische Klein- stadtmilieu mit seinen beharrenden traditionalen Kräften bot eher einen Schutz vor allzu habgierigen Übergriffen der lokalen NS-Machthaber auf jüdisches Eigentum. “Radauantisemitismus”, die Taktik der “Nadelstiche” und repressive Maßnahmen wie Boykotte vollzogen sich hier schleichend-sukzessive in mehreren Phasen und wurden erst im Zuge der verstärkten judenfeindlichen Propaganda wirksam. Knapp zwei Drittel aller jüdischen Unternehmen konnten sich in Bamberg noch bis in das Jahr 1938 halten. Ohne die Ereignisse der Pogromnacht vom 9. November 1938 – so die These der Autor/innen – hätte sich die “Entjudung” noch weit in das Jahr 1939 hineingezogen. So aber war am 31. Januar 1939 “Bambergs Wirtschaft  judenfrei”. Viele der ehemaligen Besitzer konnten von dem Erlös gerade noch ihre Flucht aus Deutschland finanzieren. Auf den Verlust der materiellen Existenz folgten am Ende der Entwicklung ab 1941 die planmäßige Deportation und die Vernichtung nicht nur der Bamberger Juden in  deutschen Konzentrationslagern.
Profiteure und Nutznießer der Ausplünderung jüdischen Besitzes  waren in Bamberg – wie anderswo – (nationalsozialistische) Mittelständler und Einzelhändler, die sich durch die Ausschaltung der jüdischen Konkurrenz nicht nur Marktvorteile verschafften, sondern nicht selten auch mit dem günstigen Erwerb von Geschäften und Immobilien den Grundstock für ihre spätere wirtschaftliche Potenz legten. (Die seit 1989 wieder strikten datenschutzrechtlichen Auflagen erzwangen in der Veröffentlichung allerdings teilweise eine Anonymisierung der Bamberger Profiteure). Darüber hinaus bereicherten sich NS-Behörden und -Organisationen skrupellos an den geraubten Vermögen. Nicht zuletzt hielten sich auch zahlreiche Banken an den hinterlassenen Konten der jüdischen Opfer schadlos oder arbeiteten dem NS-Staat reibungslos in die Hände.
Im letzten Kapitel um Rückerstattung, materielle Entschädigung und Wiedergutmachung nach 1945 kommen die Autor/innen zu dem Schluß, daß es bei diesem Bemühen weniger um die Wahrheitsfindung über das menschliche Unrecht ging als um das profane Aushandeln einer vertretbaren Nachzahlungssumme zwischen den gegnerischen Parteien (überlebende jüdische Verfolgte oder deren Nachfahren contra Profiteure der Arisierung), ohne Zeichen eines Schuldeingeständnisses, ohne Reue oder Moral: “Ein auch wie immer gearteter Gerechtigkeitsgedanke trat eher in den Hintergrund.”
Die wichtige und längst überfällige Bamberger Dokumentation ist eine Herausforderung an jede andere deutsche Stadt, die sich 1939 stolz “judenfrei” deklarierte, sich endlich – nach mehr als 60 Jahren – der Aufarbeitung der eigenen Wirtschaftsgeschichte mit NS-Vergangenheit zu stellen.
Monika Schmittner
 
Detlef Ignasiak (Hg.): Dichter-Häuser in Thüringen, quartus-Verlag, Jena, 448 Seiten, 240 Abbildungen, vierfarbiger, fester Einband, bestes Papier, Fadenheftung, runder Rücken, ISBN 3-931505-16-2, DM 39,80
Weimar, Kulturhauptstadt Europas, wird mit seinen Dichterhäusern im Goethe-Jahr 1999 Magnet für Legionen von Verehrerinnen der deutschen Klassiker und kulturbeflissenen Reisenden aus aller Welt sein. Goethe, Schiller, Herder und vielleicht noch Wieland fallen spontan ein, wenn Weimar als Dichterstadt genannt wird. Nur wenigen aber ist bewußt, daß Thüringen als literarische Landschaft  gemessen an seiner geringen Fläche und Einwohnerzahl  zu den dichtesten in Europa gehört. Fast unübersehbar ist die Zahl der Denker und Literaten, die durch alle Epochen der Literaturgeschichte hier ihre Spuren hinterlassen haben.
Es ist das Verdienst des Herausgebers Detlev Ignasiak und weiterer 37 Autoren, daß sie diesen Spuren der mit Thüringen verbundenen großen, bekannten und eben auch der marginalen, unbekannten Dichter nachgegangen sind und mit dem 1996 im Jenaer quartus-Verlag erschienenen Buch von Dichter-Häusern in Thüringen zum Besuch einladen.
Aus der Fülle des Vorhandenen wurden 52 Dichterhäuser ausgewählt und beschrieben. Die einzelnen Beschreibungen sind in ihrer Länge überschaubar und stilistisch, durch die vielen mitwirkenden Autoren abwechslungsreich. Die Anschriften von 44 literarischen Museen und Gedenkstädten sind aufgeführt (leider fehlen die Telefonnummern). Es handelt sich bei dem Buch aber keineswegs um einen Museumsführer. Zu den Häusern der Großen in Weimar führen Wegweiser vor Ort, auf andere verweisen Gedenktafeln. Nach manchen muß sich der Besucher / die Besucherin erst durchfragen. Darunter sind sogar einige, die noch nie mit einem Dichter in Beziehung gebracht wurden. Das Buch will mithelfen, sie zu entdecken. Eine Karte hilft, die Orte zu finden. Bei der Suche nach manchen Dichterhäusern wäre eine genaue Wegbeschreibung durchaus nützlich.
Nun aus dem Buch einige der Dichternamen und Orte:
Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, auf der Wartburg, bzw. in Eisenach, Thomas Müntzer in Mühlhausen, Meister Eckhardt in Erfurt, Giseke, Klopstock in Sondershausen, Herder, Goethe, Schiller und Wieland in Weimar, Dornburg, Jena und Oßmannstedt, Eckermann in Weimar, Christian Gotthilf Salzmann in Schepfenthal, Friedrich Rückert in Jena und Coburg, Theodor Storm in Heiligenstadt, Das Brehm-Haus in Renthendorf, Nietzsche und Lou Salomé in Tautenburg, Fallada in Rudolstadt, Ricarda Huch in Jena, Apitz, Wiechert, Semprun u.a. im “Dichter- Haus” Buchenwald.
Die Idee zu dieser in handliche Buchform gebundenen Einladung, sich das literarische Thüringen zu erschließen, ging von dem in Jena redigierten und vierteljährlich ebenfalls im quartus-Verlag Jena erscheinenden literarischen Journal Palmbaum aus, das der Herausgeber, Detlev Ignasiak, betreut. Die Autoren des Buches “Dichter-Häuser in Thüringen” – in ihrer Mehrheit Mitglieder der Thüringischen Literarhistorischen Gesellschaft Palmbaum e.V. – sind ausgewiesene Kenner des von ihnen beschriebenen Gegenstandes, in einigen Fällen sind sie Leiter bzw. Mitarbeiter der entsprechenden Gedenkstätte.
Das Buch ist eine gelungene Aufforderung, sich auf Entdeckungsreise nach Thüringen zu begeben, die Stätten des so reichen literarischen Lebens der Vergangenheit aufzusuchen. Es regt darüber hinaus an, zu den Werken der Dichter selbst zu greifen.
 Albrecht Sylla
 
Detlef Ignasiak, Frank Lindner: Das Philosophische Thüringen. Gedankengebäude, Persönlichkeiten, Wirkungsstätten, quartus-Verlag, Jena, 264 Seiten, 100 Abbildungen, Einband Broschur, vierfarbiger Schutzumschlag, ISBN 3-931-505-22-7, DM 39,80
Wer die Städte Erfurt, Weimar und Jena besucht, kommt nicht umhin festzustellen, daß Thüringen wie wohl kein anderes Land Deutschlands über die Jahrhunderte hinweg Anziehungspunkt und Wirkungsstätte nicht nur für die Großen der deutschen Literatur war, sondern genauso philosophisches Denken beherbergte und förderte. Mit dem 1998 erschienenen Buch “Das Philosophische Thüringen Persönlichkeiten, Wirkungsstätten, Traditionen” lädt der quartus-Verlag Jena erneut zur Reise in das Land an Gera, Ilm und Saale ein. Die Autoren Detlef Ignasiak und Frank Lindner führen uns über die Schaffensorte unglaublich vieler Denker von Weltrang auf eine Zeitreise. Beginnend im Mittelalter, bei klösterlichen Denkern wie dem Dominikaner Meister Eckhardt, der Gründung der Erfurter Universität (1392) und ihren Scholastikern führen sie zu den Erfurter Humanisten, dann zu Luther und Melanchthon. Letzterer legte die geistig-wissenschaftliche Grundlage für die Gründung der Universität Jena (1557). Im Zeitalter der Aufklärung seien für Jena u.a. Weigel, Knutzen, Leibniz und Wolff erwähnt, für Erfurt Riedel und Wieland. Mit dem klassischen Idealismus und der Doppelstadt Weimar-Jena verbinden sich die Namen von Goethe, Reinhold, Schütz, Herder, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel, den Gebrüdern Schlegel und Humboldt. Die deutsche Frühromantik erhält in Jena Residenz und Richtung. Auch die bedeutendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts  Marx, Schopenhauer und Nietzsche halten zumindest mittelbare Beziehungen zu Thüringen. Im 20. Jahrhundert schließlich sprechen die Autoren nach der Emeritierung des Logikers Gottlob Frege (1918), der von Jena aus europäische und Weltphilosophie mitschrieb, von einer Stagnation des philosophischen Denkens in Thüringen. Entsprechend knapp fallen auch die Kapitel über die Zeit nach dem Ersten und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Als zeitgenössisch Befangene halten sich die Autoren bezüglich der jüngsten Epoche (1945-90) zurück, wenngleich sie uns mit erfrischender Kritik an sie heranführen.
Das Buch gibt zum ersten Mal einen Gesamtüberblick über die Leistungen auf dem Gebiet der Philosophie in Thüringen. Ihre faszinierende Geschichte wird in anschaulicher, auch für Nichtphilosophen verständlicher Sprache erzählt. Texte aus berühmten Werken werden zitiert, eine reiche Bebilderung und das ausführliche Register erleichtern den Umgang mit dem Werk.
Fazit: Beide Werke erweisen: Die Stellung des Landes Thüringen in der deutschen Geschichte ist insbesondere durch dessen Geistesgeschichte charakterisiert.
Der Autor Detlef Ignasiak, Dr. phil., Jahrgang 50, ist Germanist und Kulturhistoriker, er lebt in Jena.
Frank Lindner, Dr. phil., Jahrgang 37, ist Philsophie- und Kulturhistoriker, er lebt in Jena und Schnepfenthal.
Albrecht Sylla
 
Maria Musiol: Dem Blatt im Winde gleich. Des fahrenden Schülers wahrhaftige Historia. Alibri Verlag, Aschaffenburg, 1998, 176 Seiten, gebunden, ISBN 3-932710-05-3, DM 36.-
Dies ist ein Buch, das man trotzdem lesen sollte.
Es ist der autobiographische Bericht des Franziskus Lapidus über sein Leben als Schüler, Handwerker, Lehrer im 16. Jahrhundert. Er erlebt einen Handwerkeraufstand in Regensburg wie den Bauerkrieg im Fränkischen. Er ist Begleiter eines fahrenden Schülers, Sängerknabe, Buchdrucker und Lehrer – ein buntes, teilweise qualvolles, später erfolgreiches, aber immer spannendes Leben.
Musiol verwendet vielfältiges Material, das sie sorgfältig verzeichnet.
Ein umfangreiches Nachwort (“Eine wahrhaftige Geschichte”) dokumentiert, wie sie das Material verwendet, sozusagen die Baugeschichte des Buches. Es ist eins für den bereits geschichtlich vorgebildeten, interessierten Laien, keines für Anfänger/-innen. Schön sind die zahlreichen, liebevoll ausgewählten Illustrationen.
Es fehlt ein Glossar über die zahllosen unbekannten Begriffe von “Contagion” über “Erchtag” bis “Tetamen”. Da hat der Lektor versagt oder schlicht gefehlt.
Das Buch, eher eine Reportage oder Collage als eine Erzählung, behandelt gleichgewichtig das Schülerleben, einen Handwerkeraufstand gegen das städtische Patriziat, das Raubritterwesen, den Bauerkrieg, die Wirren der Reformation, die Schlacht unter dem Regenbogen bis hin zu einem Promotionsverfahren — Lapidus Sohn. Die Sprache des 16. Jahrhunderts, die Musiol verwendet, erschwert die Lektüre.
Dem Buch hätte etwas mehr Mut der Verfasserin zur literarischen Darstellung gut getan. Dem handelsüblichen historischen Roman, der zur Zeit ja wieder Konjunktur hat, würde, das gilt für die meisten Bücher dieses Genres, Musiols wissenschaftliche Gründlichkeit gut tun.
Alles in allem ist es ein Buch, das der geschichtsinteressierte Laie mit Gewinn, wenn auch einiger Anstrengung, liest.
 Klaus Wermker
 
Karl Schweizer: Lindau und die Zeit der Bürgerrevolution von 1848/49. Ein Überblick. Lindau: Edition Inseltor 1998, 96 Seiten, DM 12,80
Lindau, auf einer Insel im Bodensee gelegen, ist die westlichste Stadt Bayerns. Dieser Nähe zum revolutionären Baden war es wohl in erster Linie geschuldet, daß im Juni 1849 Militär in den Ort einrückte. Denn übergesprungen war der Funke nicht. In Lindau, das zeigt Karl Schweizers mit Dokumenten und zeitgenössischen Graphiken illustriertes Büchlein, nahm die “Bürgerrevolution” keinen für Bayern außergewöhnlichen Verlauf.
Wie in München stand am Anfang der Ereignisse auch in der Bodenseestadt Lola Montez. Die Liebschaft König Ludwig I. residierte knapp zwei Wochen auf der Insel, bevor sie Deutschland verließ. Die nach der März-Proklamation einsetzende Politisierung der Bürger zeigte sich erstmals, noch zaghaft, bei den Wahlen zur Nationalversammlung. In den folgenden Monaten traten die Interessenunterschiede zwischen liberalem Großbürgertum und demokratischem Kleinbürgertum stärker zutage. Der “zweite Frühling” im Zuge der Reichsverfassungskampagne wurde dann auch wesentlich von letzterem getragen.
Am Ende der Bürgerrevolution standen der militärische Aufmarsch des Ancien Régime und die Zerschlagung der entstandenen demokratischen Strukturen. Als Bodenseehafen wurde Lindau zur Station für so manchen politischen Flüchtling, der sich in die Schweiz rettete. Die Mitglieder des Märzvereins sammelten für die Emigranten, Arbeiter und Handwerker organisierten sich in “Bildungsvereinen”, um den demokratischen Gedanken im Lande aufrechtzuerhalten. Innerhalb der nächsten drei Jahre wurden aber auch diese letzten Formen des Widerstandes unterbunden. Danach stehen auch die Lindauer Demokraten auf “Schwarzen Listen”.
Das Buch von Karl Schweizer gewährt einen schönen Überblick über die Revolutionszeit in Lindau, ordnet die Ereignisse in die Entwicklung in Bayern ein. Eine Literaturliste lädt zum Weiterlesen ein, und lediglich der Wunsch des Rezensenten nach einer Zeittafel ist nicht erfüllt worden.
 Gunnar Schedel
 
Monika Schmittner: Der Traum von der freien Republik. Die Revolution 1848/49 am bayerischen Untermain. Aschaffenburg: Alibri Verlag 1998. 198 Seiten, DM 29,80 (ISBN 3-932710-70-3)
Das offizielle Jubiläum zur Revolution von 1848 wurde letztes Jahr breit gefeiert, die Niederlage der Revolution und die Zerschlagung der letzten revolutionären Festung auf deutschem Boden in Rastatt im Mai vor 150 Jahren hingegen wird in ihrer Bedeutung kaum gewürdigt.
Die Autorin Monika Schmittner, Lehrbeauftragte für “Frauen im Nationalsozialismus” an der FH in Frankfurt/Main, lenkt mit ihrem nun erschienen Buch “Der Traum von der freien Republik” den Blick auf die revolutionären Umtriebe der Jahre 1848/49 am bayerischen Untermain.
Auf knapp 200 ansprechend illustrierten Seiten spannt sie den Bogen von Aschaffenburg und dem “Ersten Wetterleuchten der Revolution 1848” über die Bauernrevolten entlang des Mains im Kahlgrund und im Spessart, über den Orber Aufstand 1849 bis hin zur Solidarität mit der Hanauer Turnerwehr, die in Miltenberg auf ihem Weg zum badischen Freiheitsheer nach 10 Tagen Quartier “mit 400 Laib Brot, Schinken und sonstigen Lebensmitteln” für das letzte Gefecht verproviantiert wurde.
Schmittner bleibt jedoch nicht an regionalen Ereignissen kleben, sondern beginnt mit einer Darstellung der übergeordneten sozialen und politischen Zusammenhänge, der Signalwirkung der Pariser Februarrevolution bis hin zum Münchner Aufstand wegen Lola Montez, der sie trotz der nicht unerheblichen Bedeutung vielleicht zuviel Raum gewährt, da jene für die Aschaffenburger Region, “das letzte Haar am Schwanz des bayerischen Löwen”, die sich mit der bayerischen Staatskrise in München nicht beschäftigte, nicht von Bedeutung war. Die Autorin legt vor allem die Einfluß- und Verbindungslinien zum Rhein-Main-Gebiet, insbesondere des unruhigen Hanaus frei, sodaß letztendlich doch weltlichere Dinge als die “amour fou” eines alten Königs Zündstoff lieferten.
Die Revolution in Aschaffenburg entzündete sich an der Forderung der “Preßfreiheit” in der Fastnachtswoche des Jahres 1848. Die BürgerInnnen forderten in Wirtshausreden neben anderen bürgerlichen Freiheiten die Pressefreiheit und erwägten gar eine Enteignung des Aschaffenburger Stadtschlosses. Auch die Studenten der Forsthochschule wurden von diesem Mut angesteckt, und eine Offiziersabordnung der Aschaffenburger Landwehr konnte gar die Abdankung des Landwehrkommandanten durchsetzen. Von diesem Erfolg des Aufstandes angestachelt, erprobten die BürgerInnen ein weiteres Mal ihre Macht und konnten den Rechtsrat der Stadt absetzen. Die Mainschiffer leisteten den Dampfschiffern gewalttätig Widerstand, und die Dämmer Bauern, die unter “Preßfreiheit” die Freiheit von der Steuerpresse verstanden, organisierten einen Protestmarsch in die Stadt, von dem aus die mit “Sensen, Mist- und Heugabeln, Säcken und Knütteln” bewaffneten Bauern vor das Landgericht zogen, um die Aufhebung der Zentablösung und den “ungehinderten Austrieb ihrer Schweine in die städtischen Waldungen” zu fordern. Allerdings ließen sich die Aufständischen auf den Rat gewisser Stadträte hin dazu bewegen, lediglich eine Petition an die sich konstituierende Nationalversammlung zu verfassen.
Die schwache Aschaffenburger Bürgerwehr und die Gewaltbereitschaft der Menschen forderten geradezu die Errichtung einer militärischen Macht zur Unterstützung der bestehenden gesellschaftlichen und ausbeuterischen Ordnung. So wurden bereits während der ersten Unruhen Soldaten aus Würzburg entsandt, um die vor allem aus Studenten der Forsthochschule bestehende Bürgerwehr und das Freicorps zu unterstützen.
Auch der Würzburger Klerus und die ferne Staatsregierung in München schalteten sich ein, z.B. mit dem königlich-bayerischen Verbot für Schullehrer “demokratische, republikanische, kommunistische, irreligiöse und unsittliche Schriften zu besitzen. Den (immer noch) geistlichen Schulinspektoren wurde nicht nur das Recht zugesprochen, sondern sogar die Pflicht auferlegt, selbst die Privatbibliotheken der Lehrer zu kontrollieren und zu überwachen.”
Auch auf dem Land, wo die soziale Not am größten war, brodelte es ganz erheblich; so im Odenwald in dem “sich 300 Jahre zuvor die rote Sturmfackel der ersten deutschen Sozialrevolution erhoben hatte” und auch im Spessart, wo noch die Geschichten vom Bauernkrieg und dem Kampf der Armen um die unverzichtbaren Rechte auf Jagd, Holz und Fischerei lebendig waren.
Geradezu flächendeckend verband sich soziales Elend mit dem abgrundtiefen Haß gegenüber dem Adel und dessen Beamten und entzündete sich beispielsweise an versuchten Festnahmen von Wilddieben, die dann mit bäuerlicher Gewalt befreit wurden. Die verbreitete Ansicht, die Bauern wären durch die materiellen Zugeständnisse zufriedengestellt und hätten sich nach der Märzbewegung 1848 aus der Revolution ausgeklinkt, stimmt, so zeigt Schmittner, für den bayerischen Untermain nicht.
Der berühmte Orber Aufstand von 1849 ist dafür nur ein Beispiel, die freundliche Haltung der Bevölkerung gegenüber der Hanauer Turnerwehr auf deren Weg in die Schlacht bei Waghäusel ein anderes.
Begeisterte Empfänge, Kost und Logis bis hin zu personeller Verstärkung begleiteten die Freischar; auch der Miltenberger local hero, Dr. Noethig: Arzt, Landwirt und Revolutionär in einem. Nach einer Odyssee über Amerika und Zuchthaus in Würzburg kehrte er erst 1856 wieder zurück. Als Arzt durfte er nicht mehr praktizieren, bis 10 Jahre später die Cholera ausbrach.
So endet auch bei Schmittner die Betrachtung der Revolution am bayerischen Untermain nicht schon mit der Niederlage von 1848. Ein eigenes, wenngleich kuzes Kapitel zur Teilnahme von Frauen an der Revolution rundet das Bild ab. So entsteht eine lebendige Vorstellung von den turbulenten Ereignissen, der Vielfalt ihrer Aspekte und der verschiedenen Beteiligten als aktive (Um-) gestalterInnen ihres bedrängten und gedrückten Daseins, die bei allem Lokalkolorit nicht auf den provinziellen Horizont beschränkt bleibt.
 Anastasia Grun
 
Silvester Lechner (Hrsg.), Ulm im Nationalsozialismus, Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm, e.V. (=DZOK), 1997, DM 14,80
Ein schwieriges Projekt der Geschichtswerkstatt Ulm/Neu-Ulm wurde von Dr. Silvester Lechner zu Ende geführt: Die Suche nach Spuren der NS-Zeit, und zwar an den Orten, die damals eine Rolle spielten: als Machtzentren, als Orte der ideologischen Selbstdarstellung, aber auch als Orte, an denen Verfolgung und Widerstand stattfanden.
Ist es schon nicht leicht, die NS-Geschichte einer Stadt an Orten festzumachen, so wird dies besonders schwierig, wenn heute dort in der Regel nur noch wenig oder nichts mehr zu sehen ist. Neben Recherchen in Archiven und  Fotosammlungen halfen nur langwierige aber stets aufschlußreiche und unwiederbringliche Gespräche mit Zeitzeugen im Rahmen der Geschichtswerkstatt weiter.
Der Gedanke der “Verortung” von Geschichte wird auch durch die äußere Form der Publikation deutlich: Erschienen ist ein Stadtführer im handlichen Taschenbuchformat, der als Begleiter bei der Spurensuche leicht mitgenommen werden kann. Leider erlaubte das kleine Format nur sehr komprimierte Texte und die recht kleine Wiedergabe der zahlreichen Bilder. Doch da Bild und Text nur Stützen bei der tatsächlichen Spurensuche sein sollen, ist diese Kompromißlösung einsichtig. Unschätzbar ist, daß durch diesen Stadtführer eine große Fülle von teilweise ganz neuem Material nun nach über 50 Jahren endlich veröffentlicht wurde.
 Karin Jasbar
 
Stefan Hulfeld: Zähmung der Masken, Wahrung der Gesichter. Theater und Theatralität in Solothurn 1700-1798. Zürich: Chronos Verlag, 2000. 600 Seiten, DM 78, ISBN 3-905314-11-8
Stefan Hulfeld hat eine sehr ausführliche Theatergeschichte der Stadt Solothurn für das 18. Jahrhundert vorgelegt, die im wesentlichen in Materialedition und Studie unterteilt ist. Beim Materialienteil stützt sich Hulfeld hauptsächlich auf Ratsmanuale/ Ratsprotokolle aus der Zeit von 1700 bis 1798, die er im Staatsarchiv Solothurn einsah und transkribierte. Aufnahmekriterium in die Materialedition war dabei “Zeigen und Schauen im öffentlichen Raum”, was bereits auf einen weit gefassten Theaterbegriff schließen lässt, den der Autor im theoretischen und interpretierenden zweiten Teil der Arbeit nachreicht.
Auf den ersten 370 Seiten kann man nun bequem nachlesen, was sonst nur mit erheblichem Aufwand und Mühe verbunden ist: die transkribierten Eintragungen der Ratsprotokolle. Hier sind Vermerke zu öffentlich-organisierten Bürgerumzügen ebenso aufgenommen wie Fastnachtsspiele und Schultheateraufführungen der Jesuiten sowie Anträge auf Spielgenehmigungen von Wanderschauspieltruppen und Marionettentheatern, aber auch Bemerkungen zu Schaumedizin, Kunstspringen, Schwerttänze, Feuerspiele, Maskeraden und Affentheater. Sehr interessant ist dabei, nachlesen zu können, mit welchen Auflagen Spielbewilligungen verbunden waren, wie zum Beispiel der Auflage, die letzte Vorstellung zugunsten der Armenkasse zu geben oder Detailregelungen zu Eintrittspreisen und zur Art und den Themen der Darbietungen. Ebenso aufschlussreich können aber auch Ablehnungen sein, wenn man bedenkt, dass die Spieltage innerhalb des christlich-religiösen Terminkalenders äußerst rar gesetzt waren.
Im zweiten Teil geht Hulfeld an die Auswertung des umfangreichen Materials und stellt allem seine Theorie eines Theaterbegriffs voran, der zunächst “Zeigen und Schauen” isoliert betrachtet, beides räumlich und zeitlich exponiert und öffentlich setzt. Von dieser weit angelegten Basis ausgehend, differenziert er weiter zwischen exponierten Alltagssituationen und Begebenheiten mit Theatralitätscharakter und setzt dabei den Realwert dem Schauwert entgegen. Über die angeführte Grundsatzdebatte hinaus werden außerdem detaillierte Angaben gemacht über die Zeiten im Jahresablauf, an denen Theaterspielen, Tanzen und andere öffentlichen Veranstaltungen erlaubt und auch erwünscht waren, über das Verlagern der Schauveranstaltungen von Außen nach Innen, vom Marktplatz zu den Theatersälen in Gebäuden, und darüber hinausgehend werden auch Spielpläne ausgewertet.
Gerade die Verbindung des umfangreichen Quellenteils mit den detaillierten Interpretationen und dem angeschlossenen Theorieteil ergeben eine interessante Mischung aus historisch-fundierter Forschung, die über die reine Theaterhistoriographie weit hinausgeht und auch der allgemeinen (politischen) Geschichtsforschung Impulse und Anregungen geben könnte.
Alles in allem wurde mit dieser Dissertation ein höchst umfangreich und aufwendig erarbeiteter Beitrag zur Schweizer Theatergeschichte vorgelegt, der das übliche Terrain der theaterhistorischen Rezeption des 18. Jahrhunderts verlässt, um einerseits ausführlichst in die Quellen zu gehen und andererseits mit einem anders gefassten Theaterbegriff das Forschungsgebiet neu abzustecken und zu überdenken. Mit Geduld und Zeit sehr lesenswert!
Elke Krafka
 
Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte (Hg.), Verzeichnis der Nachweise für NS-Zwangsarbeiter(innen) bei Archiven und anderen Institutionen in Deutschland, bearbeitet von Gerhard Jochem (Schriftenreihe zur NS-Verfolgung 3), Köln 2000; ISSN 0943-5956
Der Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte hat ein “Verzeichnis der Nachweise für NS-Zwangsarbeiter(innen) bei Archiven und anderen Institutionen in Deutschland” herausgegeben. Der Bearbeiter Gerhard Jochem, Diplom-Archivar am Stadtarchiv Nürnberg, hat versucht, einen Überblick über die Archivbestände zu Zwangsarbeitern zu geben. Ziel war es, ein Nachschlagewerk für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu erstellen,um es diesen zu ermöglichen, rasch Nachweise für ihre Entschädigungsanträge an die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” zu erhalten. Die Dringlichkeit des Anliegens ist klar angesichts der kurzen Antragsfrist bis August 2001, in der die Antragsteller Nachweise für ihre Zwangsarbeit einreichen müssen.
Ein Verwendungshinweis und ein Ortregister erschließt die über 70 DIN A4 Seiten lange, nach Postleitzahlen geordnete Auflistung der Archive. Zudem helfen ein Postleitzahlenverzeichnis und eine Karte bei der Suche nach der betreffenden Institution.
Als dienlich kann sich auch die Einführung erweisen. Sie gibt einen Überblick über die Entstehung und Überlieferung wichtiger Nachweisunterlagen, verschweigt aber nicht deren Lückenhaftigkeit, die nicht nur auf Kriegsverluste und Vernichtungsaktionen der Nationalsozialisten zurückgeht, sondern auch durch Aussonderung und Vernichtung nach 1945 herbeigeführt wurde.
Von 709 kontaktierten Archiven, darunter alle Staats-, Kreis- und Stadtarchive, dazu Kammer- und Firmenarchive und Gedenkstätten, gaben immerhin 297 Auskünfte über relevante Archivbestände. Die restlichen 58 % der Archive, darunter auch öffentliche Einrichtungen, die nicht antworteten, wollen offensichtlich den Betroffenen auf diese Weise keine Hilfestellung bieten. Zu hoffen ist, dass wenigstens die eingegangenen Angaben stimmen; Stichproben lassen da allerdings Zweifel an der Sorgfalt der Archive aufkommen. So ist das Verzeichnis ein lobenswertes, aber offenes Projekt, das weiterhin auf Zuarbeit angewiesen ist.
Wolfgang Kucera
 
Christine Schäfer/Christiane Wilke: Die neue Frauenbewegung in München 1968–1985. Hrsg. vom Frauenakademie München (FAM) e.V., Buchendorfer Verlag München 2000, 328 Seiten, DM 38,- ISBN 3-934036-30-9
Dies ist die Rezension einer Betroffenen, einer Frau in den “mittleren Jahren”, die in den Siebzigern in München Geschichte studiert hat: Nicht ahnend, dass das, was sie am Rande ihres Studentenlebens wahrnahm, einmal in einer geschichtlichen Dokumentation aufgearbeitet werden würde. Nicht ahnend auch, wie sehr sie selber und mit ihr viele andere Frauen einmal von dem profitieren würde, für das ihre Geschlechtsgenossinnen sich damals engagierten.
“Die neue Frauenbewegung” – heute als Begriff in aller Munde. Doch außer einem diffusen Bild von Info-Ständen mit alternativ gekleideten Emanzen in Jesuslatschen (Birkenstock hatte damals den Markt noch nicht erobert) wissen wir nichts Konkretes: Wann und wie fing sie an? Wer waren diese Frauen? Was bewirkten sie? Und auch: Wann war sie zu Ende, die neue Frauenbewegung? Oder gibt es sie noch? Die Beantwortung der letzten Fragen ist sicher am schwierigsten und um sie drückt sich die vorliegende, ansonsten zahlreiche Antworten gebende Dokumentation auch herum, indem sie uns eine Erklärung vorenthält, wieso der zeitliche Rahmen gerade bis 1985 gewählt wurde.
Überwiegend ist es jedoch so, als erhielten wir einen Schlüssel an die Hand. Exemplarisch erklärt uns dieses Buch am Beispiel München das, was in ähnlicher Form zu jener Zeit auch in anderen deutschen Großstädten abgelaufen ist.
Konkret in diesem Buch ist das ein kurzer Rückblick auf die Vorgeschichte der neuen Frauenbewegung, eine Schilderung der weitgehend unbekannten und verschwiegenen Rolle der Frauen in den Protestbewegungen der 50er und 60er Jahre, der historische “Tomatenwurf” in Frankfurt am 13.9.1968, Kinderladenbewegung, Frauen-Wohngemeinschaften, die Aktionen zum § 218 und die vorsichtige Entwicklung der Lesbenbewegung.
Besonders die Aktionen zum § 218, das wird in diesem Buch noch einmal deutlich, waren ein Sammelbecken für gemeinsames politisches Agieren von Frauen aus den verschiedensten Richtungen. Hier hatten sie ein gemeinsames Ziel, das viel politische Power freisetzte, während nach 1975 die Frauenbewegung eher in öffentlich unauffälliger Weise durch Beratung etc. arbeitete.
Besonders aufschlussreich war für mich auch das Kapitel über die ersten autonomen Frauengruppen (Rote Frauen Front – RFF, Sozialistische Frauenorganisation München – SFOM, Siemens Frauengruppe – SFG und Frauenforum München – FFM), deren Kürzel damals immer wieder ins Auge sprangen. Schließlich dann ein Kapitel über den Aufbau von sozialen, kulturellen und politischen Strukturen für Frauen, die sich von der Frauenzentrumsbewegung hin zur autonomen Frauenprojektbewegung entwickelten.
Den Nutzwert des Buches für den schnellen Überblick erhöht eine gelungene Chronologie gleich zu Beginn, in der politische Ereignisse allgemein sowie Veröffentlichungen und Filme zu Frauenthemen den Münchner Ereignissen gegenübergestellt werden.
Deutlich wird aus dieser Dokumentation, dass “die Frauenbewegung” keine fest umgrenzte Gruppe war oder ist, sondern eine Strömung, die die ganze Republik durchwehte. Und: dass Veränderungen nur geschehen, wenn sich viele Frauen an vielen Orten mit unterschiedlichen Ideen und Methoden für ähnliche Ideale einsetzen.
Deshalb ist auch das Abschlusskapitel so spannend, in dem Gründerinnen und Aktivistinnen der ersten Stunde in vier Aufsätzen die zentralen Themen der Neuen Frauenbewegung aus heutiger Sicht darstellen. Das Einzige was ich vermisse, ist ein Ausblick darauf, wie es in den neunziger Jahren weiterging, wie es zu staatlich installierter Gleichstellungspolitik, universitärer Frauenforschung und Quotenfrauen kam. Ein Thema, das vielleicht noch ein bisschen zeitlichen Abstand braucht, bis es reif für die historische Forschung ist?
Fazit: Mit diesem Buch ist es gelungen, einen Teilbereich eines sehr lebendigen Abschnitts bundesrepublikanischer Geschichte höchst anschaulich darzustellen. Spannend ist jedes Kapitel für sich und sehr gut lesbar, da locker und leicht geschrieben. Fotos und Reproduktionen von Dokumenten und Flugblättern lockern auf und erinnern uns daran, wie mühsam und aufwendig damals, in computerlosen Zeiten, die Herstellung eines ansprechenden Handzettels war. Ein Grund mehr zur Hochachtung vor den damals engagierten Frauen!
Juliane Brumberg
 
Elke Krafka: Getanzte Zeitgeschichte. Annie Peterkas Leben zwischen Tanz und Politik. Alibri Verlag, Aschaf- fenburg, 2000, ISBN 3-932710-29-0, 84 Seiten, DM 19,80
Es war einmal ... Was 1927 mit einem Märchen anfing – Annie Peterka tanzte den “kleinen Däumling” – entwickelte sich in den dreißiger und vierziger Jahren zu einer Überlebensstrategie. Wartend und erleidend, wartend und tanzend. Die Wegwarte nun viel mehr als eine Legende.
Das kleine Buch von Elke Krafka über ein Leben zwischen Tanz und Politik besticht nicht nur durch die Sachlichkeit der Historikerin, sondern durch die behutsame und doch nie beschönigende Darstellung der Widersprüche.
Wer war, wer ist Annie Peterka?
“Ich habe nie daran geglaubt, dass ich Jüdin bin, was mir vorgeworfen wurde...” Die junge, apolitische Tänzerin sucht die Freiheit zuerst nur im künstlerischen Ausdruck, in der Befreiung von den strengen Ballettregeln. Erst ist sie eine unter vielen anderen ahnungslosen Opfern. Was sie dann unterscheidet ist der Tanz, die im wortwörtlichen Sinne fortschrittliche Auffassung ihrer Kunst, die Erkenntnis schließlich “eines Rhythmus gegen die Unendlichkeit ... wider das Vergessen...”
Heute erinnert sie sich – nun die Zusammenhänge durchschauend – an diesen Teil ihres Lebensweges: warten, warten, warten. “Da ich nicht selbst tanzen und mich nicht bewegen konnte, wie ich wollte, habe ich daran gedacht, ein Ballett daraus zu machen: Die Wegwarte.”
Elke Krafka versteht es ausgezeichnet, Zeitgefühl zu vermitteln und den Stoff der Vergangenheit gegenwärtig zu machen. Der Leser erlebt die Tänzerin nicht als bloße Ausnahmeerscheinung und Künstlerin im Elfenbeinturm, sondern als einen starken, mutigen Menschen. Ein klares, schönes, sehr empfehlenswertes Buch.
Claudine Ellinger
 
Christoph Kopke (Hrsg.), Medizin und Verbrechen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Walter Wuttke, Ulm (Verlag Klemm & Oelschläger) 2001.
Ein Sammelband zum Thema Medizin im Nationalsozialismus, dem streitbaren Medizinhistoriker Walter Wuttke zum 60. Geburtstag gewidmet - das ist eine schöne Idee. Langgediente Kollegen wie Achim Thom, Susanne Hahn, Günter Grau, Heinz Faulstich, Karl Heinz Roth, Angelika Ebbinghaus und Klaus Drobisch geben sich die Ehre. Neben Historikern steuern Juristen, Politologen und Mediziner Aufsätze bei. Friedemann Pfäfflin würdigt engagiert und nicht ohne Spitzen gegen einige Vertreter der medizinhistorischen Zunft das Werk Walter Wuttkes.
Unter der Überschrift “Wissenschaft und Vorurteil” sind ideologiegeschichtliche Interpretationen versammelt. Hier weist Rensmann in einem anregenden Aufsatz kenntnisreich, wenn auch in argumentativ unnötiger Detailfülle, auf eine mangelnde Berücksichtigung der ideologischen Beziehung von Antisemitismus und den rassenhygienischen Vorstellungen von “Volksgesundheit” in der Forschung hin. Er deutet rassentheoretische Gesundheitsvorstellungen als Folge des biologistischen Ideals einer deutschen Blutsnation, das nur aufgrund von naturalisierten antisemitischen und rassistischen Gegenbildern denkbar ist.
Der vagen Überschrift “Medizin und Mediziner, Gesundheitspolitik, Ausgrenzung und Rassismus im Nationalsozialismus” ist die Mehrzahl der Beiträge zugeordnet. Das Spektrum reicht thematisch vom Hungersterben in der Psychiatrie über die Zulassungspraxis von Schwangerschaftsunterbrechungen und das Schicksal pflegebedürftiger alter, sowie homosexueller Menschen im Nationalsozialismus, bis hin zu medizinischen Menschenversuchen. Hervorzuheben ist hier der Aufsatz von Ebbinghaus und Roth. Sie untersuchen den Hintergrund und die Funktion kriegschirurgischer Forschungen an Konzentrationslagerhäftlingen in Ravensbrück. Wie auch im Beitrag Thoms über die Wissenschaftslenkung im “Dritten Reich” wird dabei die große Bedeutung des Krieges für die medizinische Forschung und die Durchführung medizinischer Menschenversuche in Konzentrationslagern deutlich. Der Aufsatz von Schultz und Kopke über die Erforschung chemischer Kampfstoffe in Vorbereitung auf den zweiten Weltkrieg weist ebenfalls in diese Richtung. Bemerkenswert ist darüber hinaus der Beitrag Faulstichs über das Hungersterben in der Psychiatrie. Aufgrund von Sterbezahlen kann er nachweisen, dass die Opferzahlen der “Euthanasie” nach Beendigung des T4 - Programms höher waren und die Tötungen systematischer vorgenommen wurden als bislang angenommen. Er fordert deshalb, in Zukunft nicht mehr von “wilder Euthanasie”, sondern von einer “zweiten Phase” der “Euthanasie” zu sprechen.
Insgesamt handelt es sich bei den Beiträgen für diese Festschrift vor allem um exemplarische Untersuchungen zu Fragen, die bislang eher Randbereiche der Forschung darstellten. In der Regel sind die Aufsätze kurz und verweisen auf aktuelle Publikationen oder Projekte der Autoren. Der Sammelband wird deshalb vor allem für Spezialisten in Sachen Medizingeschichte interessant sein, die sich über neuere Forschungen informieren wollen. In diesem Sinne als “Arbeitsbuch” erstanden, das auf aktuelle und spezifische Ergebnisse, Fragestellungen und Akzentverschiebungen in unterschiedlichen Bereichen der Medizingeschichte aufmerksam macht, kann die Festschrift als gelungen und lesenswert gelten.
Darüber kann auch der etwas plakativ geratene Titel “Medizin und Verbrechen” nicht hinwegtäuschen, der den vielschichtigen Beiträgen in diesem Sammelband nicht ganz gerecht wird.
Judith Hahn
 
Hermann Heidrich u.a. (Hrsg.): Fremde auf dem Land. Schriften Süddeutscher Freilichtmuseen, Band 1,Verlag Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim 2000, 279 Seiten, ISBN 3-926834-43-9, DM 25,00
Wanderungsbewegungen nach (und von) Deutschland hat es schon immer gegeben. Die wenigsten trieb die Wanderlust, es war die Not, die Menschen veranlasste, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Doch was bedeuteten Fremdsein und Fremdheit auf dem Lande? Wie gelang die Integration in die neue Gesellschaft? Elf Fallstudien aus den verschiedenen Regionen Bayerns spüren diesen Fragen an konkreten Beispielen nach.
Der erste Beitrag von Hartmut Heller führt zurück in die Zeit der Türkenkriege des 16. und 17. Jahrhunderts, als “Seltsame Dorfgenossen aus der Türkei” sich mit der christlich-abendländischen Gesellschaft in Franken, Kurbayern und Schwaben auseinandersetzen mussten. Gleich drei Fallstudien gehen auf die Situation italienischer Arbeitsemigranten nach Bayern im 19. Jahrhundert ein. Ernst Höntze schildert den Lebensweg des italienischen Pfannenflickers Pietro Zannantonio, der sich im oberbayerischen Starnberg niederließ und dort seine handwerklichen Fähigkeiten anbot. Aus “Pietro” wurde mit den Jahren Peter, aus Zannantonio “Zanadoni”. Als gelungene Integration ist auch die Niederlassung der italienischen “Terrazzieri” in Franken zu bezeichnen (Herbert May). Sie gingen als “Aristokraten der italienischen Emigration” in die fränkische Migrationsgeschichte ein. Den “Zieglern aus Friaul” widmet sich die Studie von Martin Ortmeier, die im 19. Jahrhundert aus materieller Not Norditalien verließen, um als Ziegelschläger in Niederbayern ein karges Auskommen zu finden.
Die “Wandermusikanten” (Ralf Heimarth) suchten als fahrendes Volk in aller Regel keine neue Heimat. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit Musik und Unterhaltung auf den Dorfplätzen und waren – obwohl fremd und mit Argwohn betrachtet – eine willkommene Abwechslung im eintönigen Alltag auf dem Lande.
Der Aufsatz von Siegfried Laferton beleuchtet Situation der so genannten “Schwabengänger”. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges mussten Acht- bis Zwölfjährige aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden jedes Frühjahr zu Fuß über die Alpenpässe marschieren, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Auf regelrechten “Kindermärkten” suchten sich die schwäbischen Bauern ihre blutjungen Arbeitskräfte aus, die im Herbst ihre strapaziöse Fußreise zurück in ihre Heimat antraten. Erst bessere wirtschaftliche Strukturen in den Alpenländern, ein anderes Verständnis von Kindheit und der Vorrang einer schulischen Bildung brachten die Arbeitswanderungen der Kinder zum Erliegen.
In der Hallertau, Deutschlands größtem Hopfenanbaugebiet, wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert “Fremde, flinke Hände für die Ernte” benötigt. Maria-Luise Segl beschreibt den Alltag der überwiegend weiblichen saisonalen Hopfenzupfer aus dem Oberpfälzer, dem Bayerischen und Böhmerwald.
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausländischer Fremdarbeiter und Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg in der unter-fränkischen Landwirtschaft untersucht Herbert May. Mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges befassen sich zwei weitere Aufsätze: Sibylle Scharrenberg beschreibt die beidseitigen Problemlagen und strukturellen Gegensätzlichkeiten zwischen Flüchtlingen, den “ungebetenen Gästen”, und Einheimischen in der unmittelbaren Nachkriegszeit am Beispiel eines Oberpfälzer Dorfes. Albert A. Feiber gibt einen Überblick über den Integrationsprozess der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen und schildert die allmähliche “Normalisierung” der Fremdheit.
Der abschließende Beitrag von Maria Bruckbauer thematisiert die aktuelle Wanderarbeit im niederbayerischen Gemüsebau, speziell die Arbeitssituation der polnischen, kroatischen, rumänischen, slowenischen, tschechischen und ungarischen Gurkenpflückerinnen auf den sogenannten “Gurkenfliegern”, die in jeder Saison mehr als tausend Kilometer weit anreisen – für einen Stundenlohn von 9,25 DM brutto.
Natürlich kann der ansprechend gestaltete und reich bebilderten Sammelbandes nur Facetten aufzeigen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben die Autorinnen und Autoren auch gar nicht. Es geht ihnen vielmehr um einen Anstoß, über die komplexen Beziehungen zwischen Fremdem und Eigenem nachzudenken, über Integrations- und Ausgrenzungsprozesse, über das Fremde in der eigenen Kultur.
“Fremde auf dem Land” ist ein Gemeinschaftsprojekt der süddeutschen Freilichtmuseen. Die gleichnamige Wanderausstellung ist von Juni bis Oktober 2001 im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren zu besichtigen, von Januar bis April 2002 im niederbayerischen Freilichtmuseum Finsterau.
Monika Schmittner
 
Hilde Haider-Pregler und Peter Rossleer (Hg.): Zeit der Befreiung. Wien 1997. 430 Seiten. ISBN 3-85452-413-7, DM 54,–
Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum historischen Ausspruch Leopold Figls “Österreich ist frei!” anlässlich der Unterzeichnung des Staatsvertrags über die Neutralität unseres Nachbarlandes vergingen 10 Jahre, in denen in Österreich ein Selbstfindungs-Prozess in Gang gesetzt wurde, der sowohl rückwärtsgewandt als auch zukunftsorientiert war. Der Niedergang des Nazi-Regimes wurde zunächst widersprüchlich aufgenommen: Handelte es sich dabei um den Zusammenbruch eines Staatssystems oder um Befreiung von diktatorischer (Fremd-) Herrschaft?
In den Nachkriegsjahren folgten dann erste kulturpolitische Weichenstellungen der Alliierten, später wurden schon die Auswirkungen des Kalten Krieges spürbar. Unter diesen politischen Rahmenbedingungen begann man in Österreich nach einer eigenen nationalen Identität zu suchen und kam dabei auf mehrere Ansatzmöglichkeiten: Ein Versuch, zu einem neuen Österreich-Bewusstsein zu kommen, war das Anknüpfen an das “Davor”, an die 20er und 30er Jahre, so als hätte ein ganzes Land Austro- und NS-Faschismus lediglich verschlafen (vgl. Birgit Peter, S. 231). In einem anderen Versuch wurde nach allem “Österreichischen” gefahndet; gefunden wurde ein Konglomerat an Austriazismen, die sich ganz allgemein auf kultureller Ebene und speziell am Theater ausleben ließen.
Gerade das Burgtheater erwies sich als “Bollwerk eines unzerstörbaren Österreichertums”. Einerseits setzte man die bewährte österreichische Dramatik (Grillparzer, Raimund, Nestroy) auf den Spielplan, andererseits griff man auf ein altes Humanitätsideal zurück, das sich im pathetisch vorgetragenen Schauspielstil äußerte. Das Burgtheater avancierte spätestens jetzt zur nationalen Selbstvergewisserungsanstalt par excellence.
Die Herausgeber wählten mit Bedacht unterschiedliche Autoren aus unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten aus, die die politischen Vorgaben der Nachkriegszeit ausloten und auf die kulturpolitischen Versuche eingehen, ein zerstörtes Land vor allem auch geistig und moralisch wieder aufzurichten. Dass dabei Verdrängung mehr gefördert als verhindert wurde, kommt in den Beiträgen gut zum Ausdruck.
Bei aller Rückwärtsgewandtheit macht ein Beitrag besonders Mut: Ulf Birbaumer (S. 329-339) beschreibt sehr amüsant die anarchistischen Taten der Wiener Gruppe, die sich gegen das Diktat der ewig-gestrigen Politik und Restaurativkultur erfolgreich wehrten. Hier wurde “Widerstand im Ästhetischen” geleistet, oft von der Polizei begleitet oder verhindert, meist aber durch Polizeieinsatz komplettiert.
Insgesamt bietet das Buch einen guten Überblick über die erste Phase österreichischer Neuorientierung nach dem Zweiten Weltkrieg und hilft, so manche heutige politische und kulturpolitische Entscheidung unseres Nachbarlandes besser verstehen zu lernen.
Elke Kafka
 
Ulrike Winkler (Hg.): Stiften gehen. NS-Zwangsarbeit und Entschädigungs- debatte. Papyrossa Verlag 2000, ISBN 3-89438-204-X, DM 29,80
Mit der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung, Zukunft” wollen die deutsche Wirtschaft, Bundesregierung und Parlament einen Schlussstrich unter Ansprüche und Forderungen ehemaliger Zwangsarbeiter ziehen. Der als Buchtitel gewählte umgangssprachliche Ausdruck “Stiften gehen”, sich “heimlich aus dem Staube machen”, der Verantwortung entziehen, drückt deutlich die Intention dieses Sammelbandes von 13 Aufsätzen verschiedener Autorinnen und Autoren aus: Zu zeigen, dass auch die jüngste Entschädigungsdebatte sich nahtlos einreiht in die deutschen Anstrengungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges, eine Anerkenntnis von Schuld und Schulden für die während der Nazizeit begangenen Verbrechen zu umgehen.
Auf geradezu beklemmende Weise verdeutlichen die Aufsätze, dass Zugeständnisse an überlebende Opfer von deutscher Seite nur auf politischen Druck und aus Gründen der Opportunität erfolgten. Die im Verlauf der aktuellen Entschädigungsdebatte mit großem Pathos vorgetragenen Sorgen um “unser Ansehen” stellen eben nicht das Mitgefühl mit dem Leid ehemaliger Zwangsarbeiter an die erste Stelle, und noch weniger die Sorge um einen – wenn auch noch so bescheidenen – materiellen Ausgleich für die zugefügten Schäden.
Das Buch “Stiften gehen” ist in zwei Abschnitte gegliedert. Der Teil “Zwangsarbeit im Nationalsozialismus” stellt die wesentlichen Aspekte der Versklavung dar und macht deutlich, dass die gesamte Gesellschaft im “3. Reich”, von Großbetrieben, kleinen Firmen, Kommunen, bis hin zu Privathaushalten, vom Einsatz der Arbeitssklaven profitierten. Im zweiten Teil geht es um die Entschädigungsdebatte. Deren Geschichte reicht bis in die fünfziger Jahre zurück. Die Aufsätze arbeiten die Kontinuität dieser Debatte heraus, die seit Kriegsende geprägt ist von der Verweigerungshaltung von Regierung, Parlament, Wirtschaft und Gesellschaft, die Schuld und die daraus erwachsenen Schulden gegenüber den Opfern ernsthaft anzuerkennen und abzutragen. Die Entschädigungsabkommen der Vergangenheit und die nun beabsichtigte Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter sind dafür, so erstaunlich das klingen mag, ein Beweis.
Andreas Bohl
 
Andreas Salomon (Hg.): Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn – Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik. Schriftenreihe des DGB-Bildungswerks zur Regionalgeschichte, Bd. 1, Eigenverlag, Kolbermoor 2000, 29,80 DM. (Nur zu beziehen über die Buchhandlung Levin, Rosenheimer Str. 28, 83059 Kolbermoor, Tel: 08031/299280)
Es ist Sonntag früh 9 Uhr, der 4. Mai 1919. Zwölf Weißgardisten stürmen die Wohnungen von Georg Schuhmann, dem Volksratsvorsitzenden, und von Alois Lahn, seinem Sekretär. Sie treten die Türen ein, zerstören die Wohnungseinrichtungen, plündern und prügeln. Sie zerren die Gesuchten aus ihren Betten und schlagen brutal auf sie ein. Der Vater von Alois Lahn berichtet später in einer Lokalzeitung über seinen Sohn: “Sie warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein.” Georg Schuhmann und Alois Lahn wurden zur Kolbermoorer Bahnunterführung geschleift und dort schließlich ermordet.
Am Tag zuvor hatten die Kolbermoorer Räte der großen Übermacht der Freikorps weichen müssen. Über Kolbermoor wurde der Belagerungszustand verhängt. Hausdurchsuchungen und Verhaftungen fanden statt. Georg Schuhmann sollte sich stellen, aber dazu kam es nicht mehr.
Welche Ereignisse waren diesen turbulenten Geschehnissen vorangegangen? Als in München in der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 durch Kurt Eisner die Republik ausgerufen wurde, zögerte man auch in der Industriestadt Kolbermoor nicht lange. Durch die große Baumwollspinnerei hatte sich längst eine aktive Arbeiterbewegung herausgebildet. So rief die SPD für den 11. November eine Volksversammlung ein, auf der aus allen Schichten der Bevölkerung die 25 Mitglieder des Ersten Kolbermoorer Volksrates gewählt wurden. Dieser bestand zunächst parallel zum Gemeinderat und hatte nur beratende Funktion.
Der Einfluss des Volksrates wuchs zunehmend. Schon sechs Wochen später kam es zur Neuwahl, bei der die Vertreter der Arbeiterschaft stärker berücksichtigt wurden. Nun wurde der ehemalige Soldat, der 33-jährige Georg Schuhmann, zum ersten Vorsitzenden gewählt und war bald die für Kolbermoor entscheidende politische Persönlichkeit. Ein Chronist schrieb: “Die Arbeiterschaft verhimmelte ihn – die Bürgerschaft hasste ihn, denn Schuhmann sah hinter die Ladentische ... und machte mit seinen unvermuteten Kontrollen den Geschäftsleuten die Hölle heiß.”
Der Einfluss Schuhmanns war schließlich so groß, dass er Sprechstunden im Rathaus abhielt. Als am 21. Februar 1919 der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ermordet wurde, berief der Kolbermoorer Volksrat für den nächsten Tag eine außerordentliche Sitzung ein, auf der dem Bürgermeister Bergmann der Rücktritt nahe gelegt wurde. Georg Schuhmann war nun nicht nur erster Volksratsvorsitzender sondern auch der fünfte Kolbermoorer Bürgermeister. Noch einmal wurde ein Volksrat gewählt, der sich nun “Revolutionärer Arbeiterrat” nannte und sich politisch weiter radikalisierte. Dies war am 29. April 1919, eine knappe Woche vor seiner Ermordung.
Das vorliegende Buch dokumentiert ausführlich diese knapp geschilderten Ereignisse, und ist zugleich ein aktuelles zeitgeschichtliches Zeugnis. Denn dem Autor geht es nicht nur darum, die damaligen Ereignisse wieder bekannt zu machen, sondern die Schwierigkeiten zu dokumentieren, die das Aufstellen einer Gedenktafel durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die beiden Revolutionäre mit sich brachte. Im ersten Teil des Buches wird der historische Rundgang vom 4. Mai 1999 dargestellt, für den es gelungen war, nicht nur die unterschiedlichsten Referenten zu gewinnen, sondern auch den Bürgermeister (CSU). Im zweiten Teil des Buches wird der politische Kampf der GEW vor Augen geführt, den diese um die Gedenktafel führte. Im dritten Teil sind dann historische Dokumente aus der Kolbermoorer Rätezeit zusammengestellt, die einem die Möglichkeit geben, sich noch intensiver in die damalige Situation hineinzuversetzen. Abschließend folgt der Abdruck des Protokollbuches der Räte. Dieses überaus wertvolle Zeugnis der damaligen Zeit ermöglicht es, nachlesen zu können, was die Räte diskutierten und beschlossen, um der Bevölkerung das Notwendigste an Nahrung bereitstellen zu können und darüber hinaus eine politische Form zu finden, die die größtmögliche Beteiligung aller an den Entscheidungen des Rates gewährleistete.
Klaus Weber
 
Ralph Giordano: Die Traditionslüge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000, ISBN 3-462-02921-5, 460 Seiten, DM 45.-
In der Traditionspflege der Bundeswehr sollen solche Zeugnisse, Haltungen und Erfahrungen aus der Geschichte bewahrt werden, die als ethische und rechtsstaatliche, freiheitliche und demokratische Traditionen auch für unsere Zeit beispielhaft und erinnerungswürdig sind.
Der hehre Satz aus dem Traditionserlass des Bundesministers der Verteidigung von 1982 enthält eine eindeutige Aussage: der Traditionspflege der Bundeswehr. Tradition, so der Erlass, sichere Identität und schlage eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Dies jedenfalls behauptet der Kölner Autor und Publizist Ralph Giordano in seinem jüngsten Buch. Giordano, Überlebender des Holocaust und unermüdlicher Streiter wider den verfehlten Umgang mit der braunen Vergangenheit, belegt seine Philippika mit einer Fülle von Beispielen.
 Sein persönlicher Bezug zum Thema reicht in seine Jugend zurück, die bestimmt war von der furchtbaren Erfahrung, in seinem Heimatland seines Lebens nicht mehr sicher zu sein – allein, weil die Mutter Jüdin war. Schon damals hätten sie erkannt, wer ihr Hauptfeind war: nicht die Gestapo oder der NS-Hauswart, sondern die Wehrmacht, Hauptinstrument in Hitlers “rassisch motiviertem Vernichtungskrieg”.
Nach Kriegsende bildeten sich – mit tatkräftiger Mithilfe von “Kriegshelden” wie Feldmarschall a.D. von Manstein – schnell Mythen vom “sauberen Waffenrock” und den “zeitlosen soldatischen Tugenden”. Die Ursache sieht Giordano vor allem in einer Tatsache: aus fast jeder deutschen Familie stammte mindestens ein Wehrmachtsangehöriger.
Bereits 1947 diagnostizierte Giordano den fatalen Hang der Deutschen zum unbedingten Gehorsam und zur Selbstentschuldung mit treffenden Worten: “Wer aber jetzt noch jene in der Sonne des Hakenkreuzes blühende ‘Eidtreue’ verteidigt, der vertritt unmissverständlich den Standpunkt: Mag die Sache, mag der Staat, für den gekämpft wird, noch so mörderisch, noch so verbrecherisch, noch so rechtswidrig sein – dem einmal geleisteten Eid muss um jeden Preis die Treue gehalten werden.”
Der dreifache Kasernenpatron Erwin Rommel ist Giordano ein besonderer Stachel im Fleisch. In mehreren offenen Briefen, u.a. an die Verteidigungsminister Rühe und Scharping, tritt er mit Entschiedenheit und Schärfe für eine Umbenennung dieser Kasernen ein. Rommel, zum Mythos “Wüstenfuchs” hochstilisiert, war ein von keinem Zweifel an der Richtigkeit der Kriegsziele beeinträchtigter Haudegen, und als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B verantwortlich für grausame Verbrechen an italienischen Kriegsgefangenen und Zivilisten.
Trotzdem gibt es Zeichen der Hoffnung: Mitte 1999 verfasste Hauptmann Reinhardt eine interne Schrift zur Beurteilung des Generaloberst Hubert Weise, Kasernenpatron in Rottenburg an der Laaber. Darin wird die Traditionswürdigkeit Weises und die von Wehrmachtsgenerälen allgemein in Frage gestellt.
Ein weiteres Indiz dafür, dass Bewegung in Theorie und Praxis militärischer Traditionspflege geraten sein könnte, ist die Umbenennung der General-Rüdel-Kaserne im schleswig-holsteinischen Rendsburg. Seit 8. Mai 2000 heißt sie “Feldwebel-Anton-Schmid-Kaserne”, benannt nach dem österreichischen Wehrmachtsangehörigen, der 1941 in Wilna, Litauen, bis zu 300 Juden im und außerhalb des Ghettos rettete und dafür im April 1942 hingerichtet wurde.
Anzumerken ist, dass General Günter Rüdel nicht – wie Giordano aufgrund einer falschen Auskunft des MGFA Potsdam schreibt – bis 1944 Richter am Volksgerichtshof war (somit auch nicht beteiligt an den Todesurteilen gegen die Verschwörer des 20. Juli 1944), sondern nur bis 1942. An der verbrecherischen Qualität dieses Pseudogerichts ändert dies jedoch gar nichts.
Ralph Giordano leistet einen gewichtigen Beitrag zur aktuellen Reformdebatte der Bundeswehr. Unsere durch Globalisierung, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus herausgeforderte Gesellschaft bedarf keiner Kriegshelden, sondern BürgerInnen mit demokratischer Gesinnung und Zivilcourage.
Monika Muggli
 
Arbeitsgruppe “Faschismus” der DGB Jugend Schweinfurt: “Nach dem Krieg war keiner Nazi gewesen ...” – Arbei- terbewegung in Schweinfurt zwischen 1928 und 1945, Verlag Rudoph & Enke, Ebertshausen. 3. Auflage 2001. 176 Seiten, DM 19,80, ISBN 3-931909-07-7
1984, lange vor der öffentlichen Debatte über Fremdarbeit und Nutzniesertum aus dem Judenpogrom, aber genügend lange nach dem Aufzeigen des Diskurses über die Nazivergangenheit Deutschlands und die Rolle der Arbeiterbewegung, erschien die 1. Auflage dieses Buches. Es geschah also solide regionale Aufarbeitung von Geschichte relativ unabhängig (aber nicht abgekoppelt) von den großen Medienströmungen. Die 3. Auflage des Buches bringt mit einigen zusätzlichen Seiten den Beweis, dass die Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte des betreffenden Zeitraumes nicht abgeschlossen, sondern durch die Jahre stetig weiterverfolgt wurde.
Trotz des Konzeptes von “oral history” und den damit verbundenen Schwierigkeiten nach Ablauf so vieler Jahre zeigen die Ergebnisse, dass es sich lohnt, “weiterzubohren”. Fragen nicht an die Geschichte, sondern konkret an die Personen, die diese Geschichte miterleben mussten, bringen auch heute noch Ergebnisse, die sich lohnen, festgehalten zu werden – vor allem auch für jüngere “Nichtdabeigewesene”. Sie sollten sich nicht täuschen lassen durch die soziale Stufe, die heutige glatzköpfige Stiefelträger einnehmen. Im Unterschied zu manchen im Buch erwähnten Stiefel- und Dolchträgern im damaligen Schweinfurt.
Diese Stadt war auf manchen Gebieten bedeutender, als es ihre Größe vermuten lässt. Sowohl für die Arbeiterbewegung also auch für die Kriegsproduktion und deshalb für die Nationalsozialisten. Hier war praktisch die deutsche Kugellagerproduktion konzentriert. Das Buch behandelt auch folgerichtig die Entwicklung dieser Industrie. Diese spiegelt sich wider in den politischen Strömungen in der Stadt, was mit Originaldokumenten, Zeitungsausschnitten und Fotos anschaulich gemacht wird. Der dann folgende Aufstieg der Nationalsozialisten verlief anfänglich sehr zäh. Nur durch Gewalt, aber vor allem durch die freudige Unterstützung der Industriellen selbst, gewann “die Bewegung” Terrain. Das Bildmaterial der damals eifrig mit ihrem Titel “nationalsozialistischer Musterbetriebe” werbenden Firmen spricht für sich.
Das Kapitel über die Fremdarbeiter “...die waren der Welt ihr Arsch!” erscheint aufgrund der schwierigen Informationsbeschaffung (immer noch) etwas dürftig. Aber offenbar gerade jetzt wird er mit neuen Informationen gefüllt und die Autoren sind immer noch aktiv, wie der Anhang zeigt. So beschränken sich die Aktivitäten nicht darauf, dieses Buch abzuliefern, sondern es werden eine Stadtrundfahrt zum Thema und Veranstaltungen mit den aktuellen Geschichtsforschungen angeboten.
Der Untertitel des Buches könnte ohne Übertreiben weiter gefasst werden, etwa: eine fränkische Industriestadt in der Nazizeit und wie es dazu kam.
Werner Enke
 
Marlene Reidel: Der Räuber Kneißl. Vierundvierzig Holzschnitte über den bayerischen Kriminalfall um 1900 mit dem Text des Kneißl-Liedes und einer Chronik der wirklichen Ereignisse. Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 2001, 3.Auflage, ISBN 3-7846-0141-3, EUR ...
“Mir hamma ghabt a Mühl in Pacht vom Sulzemooser Schloß. Der oana hat gstohln a Schaferl, der andere gar was Groß’. Da hamma oftmals gschlachtelt, frische Bluatwürscht hat’s da gebn. Da war halt in der Schachermühl a ganz a lustigs Leben” (Kneissl-Lied).
Ganz so lustig, wie die Strophe aus dem Kneißl-Lied klingt, war das Leben des Mathias Kneißl allerdings nicht. Marlene Reidel, vielfach ausgezeichnete Malerin, Grafikerin und Kinderbuchautorin, illustriert in einem Bilderzyklus die Stationen des legendären Räubers: Die 1963 von ihr geschaffenen Holzschnitte vermitteln anschaulich und prägnant das Leben des Mathias Kneißl. Die Bilder, jeweils auf der rechten Buchseite platziert, korrespondieren mit den kurzen Texten der linken Buchseite bzw. ergänzen sie. Erzähltext und Strophen des Kneißl-Liedes wechseln sich ab. Die Chronik wurde von Wilhelm Lukas Kristl ausgearbeitet.
Akkurat nachgezeichnet sind einzelne Situationen. Ein Beispiel: Manche Bauern schützten Kneißl vor den Gendarmen. Eine im Landkreis kursierende Geschichte erzählt, dass ein Bauer die “Grünen” in aller Ruhe sein Gehöft habe durchsuchen lassen – während er den Kneißl vor ihren Augen im Odelfass versteckt hielt. Auf zwei Bildern wird dargestellt, wie der Bauer noch einen Schapfen Odel aufnimmt (und ihn angeblich noch in das Odelfass schüttet) und wie Kneißl dann später im Wald dem Odelfass entsteigt.
Genau bis ins Detail auch der Holzschnitt über das Fahndungsplakat mit der angebotenen Belohnung von 1000 Mark. Es wird gerade auf eine runde Säule geklebt, eine neugierige Menschenmenge hat sich darum versammelt (siehe Rückseite dieses Heftes).
Auch das Bild der Belagerung des Anwesens, auf dem Mathias Kneißl im März 1901 festgenommen wurde, zeigt deutlich das große Aufgebot an Uniformierten und die Hilflosigkeit der Gendarmen. “Es war am vierten Märzen in aller Herrgottsfruah, da geht’s in Geisenhofen scho sakramentisch zua. Hundertsechzig Mann san aufmarschiert, zwei Kommisär, ein Arzt. Da hat sie doch der Kneißl-Hias aa hinter de Ohren kratzt” (Kneißl-Lied).
Im Februar 1902 wurde “Deutschlands letzter Räuber im alten Sinne des Wortes” im Innenhof des Augsburger Gefängnisses enthauptet. Im Laufe der folgenden Jahre wurde er immer populärer – hatte er sich doch ein Jahr lang mit List dem polizeilichen Zugriff entzogen und somit der Obrigkeit getrotzt – und der Name “Räuber Kneißl” zu einem stehenden Begriff.
Ingrid Reuther
 
Dimitri Todorov: 22 Jahre Knast. Autobiographie eines Lebenslängs- lichen. Droemersche Verlagsanstalt Th.Knaur Nachf., München, 2002. ISBN 3-426-77151-9. 271 Seiten, EUR 7,90.
Dimitri Todorov, erster Geiselgangster Deutschlands. Monatelange geisterte der Banküberfall vom 4. August 1971 in München, bei dem sein Kumpan und eine junge Geisel getötet wurden, durch die deutsche Presse. Spektakulär auch der Prozess und das Urteil für den 24 jährigen: lebenslänglich.
In dem vorliegenden Buch erzählt er über seine kriminelle Energie, die ihm schon mit 17 Jahren das erstemal eine Jugendstrafe einbrachte. Weitere folgten. Kaum entlassen, plant er mit seinen Kumpanen einen Raubüberfall. Todorov beschreibt den bewaffneten Banküberfall, die Schießerei, den Tod seines Kumpans und der Geisel, den Prozess. Eine leise Wut auf den Verteidiger, der sich nicht richtig für ihn einsetzt, ist spürbar. Dieser Teil seiner Autobiographie lässt Fragen offen.  
Hauptthema des Buches ist ganz klar das Leben im Gefängnis. Eindringlich erzählt er den Gefängnisalltag, dem er nur entfliehen kann, indem er sich durch Bücher, Abenteuergeschichten oder Phantasien in eine andere Welt versetzt: “Wir waren alle unterwegs. In jeder Zelle wurde ein anderer Traum geträumt.”
Todorov, schwul, verliebt sich bald in einen jungen Schwarzen, die Beziehung dauert 13 Jahre. Dann ist er allein und widmet sich verstärkt seinen Studien. Nach 17 Jahren Knast, mit Anfang 40, macht er sein Abitur. Das klappt nicht problemlos, er muss die Teilnahme an der Prüfung durchboxen. Ebenso wie sein Soziologiestudium. Aber er ist stur, gibt nicht auf.
Sehr lebendig erzählt er von den Veränderungen im Knast, die die politischen Situationen in Deutschland mit sich bringen. Strenge Handhabung des Strafvollzugs in den Zeiten der RAF, die Freude über das Gelingen der erzwungenen Freilassung von Rolf Pohle. Dann setzen sich SPD und Die Grünen für die Strafvollzugsreform ein. Radios werden genehmigt, die Haftbedingungen etwas erleichtert. Anfang der 90er Jahre kommen immer mehr Ausländer in den Knast, Todorov entwickelt sich zum Spezialisten für Asylanträge. Er lebt ihr Leben mit, kennt ihre Familien, reist in Gedanken mit ihnen in andere Länder, Kontinente. Alltagsflucht.
1993 wird sein Entlassungsantrag befürwortet, nach 22 Jahren Haft wird er entlassen. Klar und realistisch erzählt er von dem einsetzenden Medienrummel, von der fehlenden Freude an der Freiheit, von der Frage nach dem Sinn des Lebens, die sich ihm im Knast so nicht stellte. Er liebt das Alleinsein, braucht die Ruhe, ist Stunden mit dem Fahrrad unterwegs. Romanische und gotische Kirchen ziehen ihn an. Hier spürt er “die Unendlichkeit, das Aufgehen im Unbegrenzten”.
Sein Resümee acht Jahre nach seiner Entlassung endet mit den Worten: “... nach insgesamt 30 Jahren Haft ist es mir ein Bedürfnis, noch einmal zu sagen, dass aus Inhumanität nicht Humanität entstehen kann und aus Gewalt nicht Gewaltlosigkeit. Das Gefängnis bringt immer wieder nur das Gefängnis hervor.”
Ingrid Reuther
 
Barbara Distel (Hg.), Frauen im Holocaust. Bleicher-Verlag Gerlingen 2001 428 S., EUR 24,-, ISBN 3-88350-051-8.
Rassenwahn und Vernichtungspolitik des NS-Regimes machten keine Geschlechtsunterschiede. Unterschiedslos wurden jüdische Männer und Frauen in Ghettos interniert, in Vernichtungslager deportiert, selektiert, ermordet. Und doch war das Leben im Holocaust und der Weg in die Vernichtung von geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern geprägt.
17 aufwühlende Zeitzeugenberichte schildern die individuellen Erfahrungen von Frauen auf der Flucht und im Exil, bei der Deportation, im Ghetto und Konzentrationslager, bei der Zwangsarbeit oder im Widerstand. Präzise berichten sie über ihre besonderen Leidensbedingungen – ohne Abgrenzung gegenüber den Leiden der männlichen Opfer.
Vor der Internierung in jüdischen Ghettos durchlebten Männer wie Frauen tiefe Krisen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Mit der zunehmenden Diskriminierung und der Verdrängung aus dem öffentlichen Leben verloren die Männer ihre Arbeit und damit gleichzeitig ihre ökonomische Basis. Oft mussten Frauen die Ernährerrolle übernehmen, freilich in untergeordneten Positionen.
Alle Frauen erzählen, welchen Wert sie bei aller Entmenschlichung auf ihr äußeres Erscheinungsbild legten, um den Lageralltag durchzustehen. Lippenstift oder Make-up waren kostbare Schätze, die bei lebensentscheidenden Anlässen, wie z.B. Selektionen, untereinander ausgeliehen wurden. Nur wer einen “gesunden” Eindruck machte, hatte die Chance des längeren Überlebens. Bei Ankunft in den Konzentrationslagern wurden auch Frauen die Haare kurz geschnitten, viele litten extrem unter dem Verlust dieses Weiblichkeitsattributs. Auch die ungeschützte Nacktheit vor SS-Wachmannschaften und Ärzten empfanden sie als demütigender und erniedrigender.
Lagerbedingungen und Mangelernährung konnten Frauen leichter ertragen. Männer litten stärker unter dem Hunger, Frauen dagegen erinnern als schrecklichste Erfahrung die mangelnde Hygiene. Viele schliefen lieber im Freien auf dem Boden als mit Wanzen in den Bettkojen. Unter diesen Umständen empfanden es die meisten als Erleichterung, dass nach wenigen Wochen Lagerhaft ihre Menstruation ausblieb. Bei den Jüngeren löste dies Ängste aus bezüglich einer späteren (Un-)Fruchtbarkeit. Alle erhofften sich ein Überleben des Grauens. Margit Schultz, geboren 1918, Überlebende von Auschwitz und der Zwangsarbeit im ungarischen Frauenlager Peterswaldau, berichtet: “Nach der Befreiung wurden wir behandelt. Und es ist ein Wunder, wenn wir noch Kinder bekommen haben. Sehr viele Frauen haben keine Kinder mehr bekommen.”
Die katastrophalen Lagerverhältnisse machten die meisten Insassen anfällig für eine nicht enden wollende Kette von Krankheiten (z.B. Typhus, Tuberkulose, Fleckfieber, Krätze). In Ghettos wie Theresienstadt waren Krankheit und Tod unter Frauen wie Männern gleich verbreitet. In Vernichtungslagern jedoch, so Ruth Bondy, entwickelten Frauen eine größere Widerstandsfähigkeit. So lange für sie auch nur ein Funken Hoffnung bestand, nach dem Holocaust gebraucht zu werden, klammerten sie sich ans Leben. Mütter von jungen Mädchen versuchten, bei den Selektionen ihre Töchter älter und kräftiger erscheinen zu lassen, Mädchen wiederum kaschierten die Krankheiten ihrer Mütter.
Der Herausgeberin Barbara Distel, seit 25 Jahren Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und Mitherausgeberin der “Dachauer Hefte”, ist mit diesem Sammelband ein unverzichtbarer, längst überfälliger Beitrag zur Grundlagenliteratur des Holocaust gelungen. Zu lange wurde die Methode der “oral history”, der erlebten, erzählten Geschichte, in Deutschland als unwissenschaftlich abgelehnt.
Diese Dokumentation ist eine späte Hommage an all jene, die zu den wenigen “Übriggebliebenen” zu gehören, weiterleben mussten – “...wie ein Staubkörnchen, das nicht zerrieben wurde” (Halina Birenbaum).
Monika Schmittner
 
Norbert Aas: Sinti und Roma im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern Wolkenburg und Zwodau. Im Auftrag des Verbandes Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern. Bayreuth: Bumerang-Verlag 2001, EUR 12,- ISBN  3-929268-15-9
Norbert Aas unterwirft sich dem schwierigen Unterfangen, eine Häftlingsgruppe im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern zu untersuchen. Sinti und Roma gehörten lange zu den vergessenen Opfern der rassistischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Schon der Versuch, Sinti und Roma im KZ nachzuweisen, stellt heutige Forscher vor Probleme, da die Nationalsozialisten kein einheitliches Vorgehen praktizierten. Für die Einlieferung wurde häufig auf die Begründung “asozial” zurückgegriffen und nicht immer erfolgte die zusätzliche Bezeichnung “Zigeuner”. Aas skizziert einleitend die Kategorisierungsproblematik, die ja nicht nur bei dieser Gruppe auftritt. Dennoch kommt er auf eine Zahl von ca. 1.200 bis 1.300 identifizierbaren “Zigeunern”; 80 % davon waren Frauen – zumeist jüngere, die für den Arbeitseinsatz in Frage kamen.
Schwerpunkt der Buches bilden die beiden Außenlager Wolkenburg und Zwodau. Wolkenburg im Nordwesten von Chemnitz wurde 1944 als Außenlager des KZ Ravensbrück errichtet, ab September 44 übernahm Flossenbürg die administrative Führung. Dort arbeiteten Frauen für die Rüstung, unter ihnen viele Sintezza. Anhand von Zeitzeuginnenberichten werden die Zustände im Lager verdeutlicht. Im April 45 wurde Wolkenburg evakuiert. Die Häftlinge, 400 Frauen, mußten sich auf den Marsch nach Dachau machen, nur 116 kamen an. Die meisten starben unterwegs, etlichen gelang die Flucht. Die Lagerführer wurden nach 1945 strafrechtlich verfolgt und verurteilt. Einer erhielt eine Todesstrafe, die in lebenslange Haft umgewandelt und schließlich auf 15 Jahre reduziert wurde. 1954 befand er sich wieder in Freiheit.
Auch im Lager Zwodau (das heutige tschechische Svatava) befanden sich viele Sintezza unter den mehr als 700 weiblichen Häftlingen. Zwodau, zunächst Außenlager von Ravensbrück, wurde 1943 errichtet, ein Jahr später Flossenbürg unterstellt und beschäftigte die Häftlinge ebenfalls in der Rüstungsproduktion.
Die Stigmatisierung, daß Sinti und Roma von den Nationalsozialisten oft als “Asoziale” klassifiziert oder mit dem Signum “Zigeuner” versehen wurden, wirkt bis heute nach. Eher beiläufig erfährt man, daß eine Zeugin, deren eintätowierte Nummer mit einem “Z” beginnt, Sintezza ist.
Immerhin kam durch die Anzeige von Selma Ludolph, nach Ansicht Aas’ eine Sintezza, ein Ermittlungsverfahren gegen den Zwodauer Kommandoführer Jordan in Gang. Die Ermittlungsakten bilden eine wesentliche Quelle unseres Wissens um das Lager Zwodau. Aas dokumentiert anschaulich die Quellenproblematik von Zeugenaussagen bei Ermittlungsverfahren. So gelang es der Zwodauer Lagerältesten, ein mögliches Verfahren gegen sich abzuwenden.
Auch in anderen, meist wenig erforschten Außenlagern Flossenbürgs befanden sich Sinti und Roma. Bei künftigen Untersuchungen wird man nach der Arbeit von Aas nicht darauf verzichten können, die jeweilige Zusammensetzung der Häftlinge zu differenzieren.
Eva Strauß
 
Gerd R. Ueberschär / Winfried Vogel: Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999, EUR 9,90.
In diesem Buch geht es um stattliche Rittergüter, fette Pfründe und gewaltige Geldbeträge, die Adolf Hitler seinen Getreuen im Vorgriff auf den “Endsieg” gewährte. Diese Dotationen wurden den höchsten Kreisen aus Staat, Partei und Wehrmacht zugesprochen. Indem Hitler die Heldentaten seiner Generäle honorierte, konnte er sie stärker an sich binden.
Der Militärhistoriker Gerd Ueberschär und der ehemalige General der Bundeswehr Winfried Vogel schildern kenntnisreich die Korruption der Eliten im Dritten Reich. Mit kräftigen Strichen zeichnen die beiden Autoren Bilder von den gierigen Generälen, die sich vom “Führer” mästen ließen; denn Treue hat tiefe Taschen.
Im Personenregister dieses detailreichen Werkes finden sich auch Namen von Generälen, die nicht nur Ehrungen und Dotationen aus der Hand des “Führers” erhielten, sondern auch für die Bundeswehr traditionswürdig waren und sind: Freiherr von Fritsch, Paul von Hindenburg, Ritter von Leeb, August von Mackensen, Kurt Student, Hubert Weise, Walter Wever.
Schlechterdings skandalträchtig ist der Fall des traditionswürdigen Feldmarschalls von Mackensen: Den im Schlieffen-Verein versammelten Generälen verhängte Mackensen ein Redeverbot zu den Morden vom 30. Juni 1934. Während Mackensen mit den Morden an den Kameraden General Schleicher und General von Bredow befasst war, erfuhr er von der bevorstehenden Dotation; Mackensen erhält den Erbhof Brüssow in Ostpreußen. Dieses Geschenk Hitlers war der Judaslohn für Mackensen. Und noch im November 1944 ermahnte Mackensen zu “Opferbereitschaft und Fanatismus”. Trauriger Schlusspunkt: Trotz Proteste und Petitionen gibt es in Hildesheim immer noch eine Mackensen-Kaserne.
Jakob Knab
 
Petra Haustein, Rolf Schmolling, Jörg Skriebeleit (Hg.): Konzentrationslager. Geschichte und Erinnerung. Neue Studien zum KZ-System und zur Ge- denkkultur. Klemm und Oelschläger Ulm 2001, EUR 10,12, ISBN 3-932577-36-1
Der Band ist der Tagungsreader eines Workshops im Oktober 2000 in der Gedenkstätte Flossenbürg. Das interdisziplinär angelegte Symposium gliederte sich in zwei Teile: “Der Umgang mit den Lagern und Relikten in der Öffentlichkeit nach 1945” und “Nationalsozialistische Verfolgungspraxis und die äußere und innere Struktur der Lager”. Wir erhalten Einblicke in laufende Forschungs- vorhaben und erfahren, zu welchen (Teil-)Ergebnissen die jungen Wissenschaftler gekommen sind. Die beigefügten Diskussionsprotokolle spiegeln manchmal sehr den Seminarcharakter wider. Hervorzuheben ist, dass wiederholt die Einbeziehung der Kategorie “Geschlecht” eingefordert wird.
 Anregend sind die Beiträge da, wo sie sich dezidiert mit Problemen der Erinnerungskultur(en) auseinandersetzen. Erinnerung ist selbst Thema der Vergangenheitsbeschäftigung geworden: Der zeitliche Abstand zum NS-Regime wird größer, die Generation der Opfer und Täter kleiner, die Forschenden entstammen der nachfolgenden Generation. Zudem hatte sich in der ehemaligen DDR eine andere Erinnerungskultur in den Gedenkstätten etabliert als im Westen. Nach der Wende schärfte der “clash of cultures” die Wahrnehmung. Die Konflikte zeigen sich v.a. in den Gedenkstätten im Osten, wo die Lager nach 1945 weiter als Internierungslager genutzt wurden. Petra Haustein formuliert, worum es heute in der Erinnerungskultur geht: “Wer diskutiert mit wem vor welchem Erfahrungshintergrund mit welchem Ziel über welche Themen”. Die Gruppe derer, die sich für das aktive Erinnern an Gedenkstätten einsetzt, ist auch im Westen keine homogene Gruppe. Häufig liegen einzelne Fraktionen miteinander im emotionalisierten / personalisierten Konflikt, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist. Geschichtspolitik, hier ist Haustein zuzustimmen, steht als Forschungsthema am Anfang – am Beispiel von Nationaldenkmälern aus dem 19. Jahrhundert kann sie akademisch bleiben, am Beispiel der Gedenkstätten wird sie wegen der aktuellen Bezüge auf Befürworter und Gegner stoßen.
 Verdienstvoll der Beitrag über die Lagersprache und das Bemühen, an die Sprach- und Textproduktion der Häftlinge mit literaturwissenschaftlichen und linguistischen Kategorien heranzugehen und so KZ-interne Kommunikationsstrukturen aufzudecken. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass das vorhandene Material eine männlich geprägte Sprache politischer Häftlinge ist.
 Spannend der Beitrag über den selektiven Umgang mit den Fotos von Henryk Ross aus dem Lódzer Ghetto. Fotos haben eine eigene Quellenproblematik, da ihnen ein hoher Grad an Authentizität unterstellt wird. Es ist aber die Sichtweise des Fotografen und im zweiten Schritt die Auswahl der Ausstellungsmacher. Das Ross’sche Bildmaterial wirft die schmerzhafte Fragen auf: Wie umgehen mit “idyllischen” Bildern? Eine Schlussfolgerung lautet: Kollaboration war notwendig, um wenigstens das Überleben weniger zu ermöglichen.
 In vielem macht der Band neugierig auf die hoffentlich bald abgeschlossenen Einzelarbeiten. Zudem vermag eine kritische Reflexion der Erinnnerungskultur Anstöße für neue Fragestellungen und Forschungen geben.
Eva Strauß
 
Ekkehard Hübschmann, Helmut Paulus, Siegfried Pokorny (Hg. Geschichtswerkstatt Bayreuth): Physische und behördliche Gewalt. Die ”Reichskristallnacht” und die Verfolgung der Juden in Bayreuth. Bumerang Verlag Bayreuth 2000.
Es ist ein Folgeprojekt, das mit großer Akribie und Sorgfalt recherchiert wurde: Bereits 1998 hatte die Geschichtswerkstatt Bayreuth eine Broschüre über die Geschehnisse vor, während und nach der sogenannten “Reichskristallnacht” vom 9. auf den 10. November 1938 vorgelegt. Aus der angedachten erweiterten Neuauflage ist nun ein weiteres, 260 Seiten starkes Buch geworden, das einen wichtigen Mosaikstein für die Erforschung der Judenverfolgung in Bayreuth und damit für die Stadtgeschichte ganz allgemein liefert. In seinem Vorwort beklagt Norbert Aas, dass die Ereignisse in den Morgenstunden des 10. November 1938 die Brutalität des Vorgehens gegen Andersgläubige in ihrer ganzen Härten zeigten und dass es nur zaghafte Versuche gegeben habe, das Schlimmste zu verhindern. “Über entschlossenen Schutz oder wirksame Hilfe können die Autoren nicht berichten”, so Aas.
Das nun vorgelegte Werk ist dreigeteilt: Im ersten Teil referiert Helmut Paulus die Geschehnisse in der “Reichskristallnacht” in der “Gauhauptstadt Bayreuth” und die Gerichtsverfahren nach Kriegsende. Im zweiten Teil nimmt uns Ekkehard Hübschmann mitten hinein in die Geschehnisse und berichtet exemplarisch von den Ausschreitungen, zum Beispiel gegen den Viehhändler Moritz Steinhäuser, der in der Bürgerreutherstraße 3 lebte. Im dritten und zugleich kürzesten Teil schreibt Siegfried Pokorny unter der Überschrift “Von Bayreuth in die Hölle von Riga” über die Deportation der vierköpfigen jüdischen Familie Reinauer. Nur zwei Familienmitgliedern, der Mutter Friedel und der Tochter Hanneliese, war die Rückkehr im August 1945 in ihrer alte Heimat Bayreuth vergönnt. Es ist ein erschütterndes Beispiel, so wie es unzähligen Deutschen jüdischen Glaubens ergangen ist.
Nur durch das intensive Arbeiten in den diversen Quellen und die Befragung vieler Zeitzeugen kann das Grauen des ”Dritten Reiches” an örtlichen Beispielen belegt, illustriert und damit so hautnah geschildert werden, dass es sprichwörtlich unter die Haut geht. Gerade für den Geschichtsunterricht können die veröffentlichten Originaldokumente und Beschreibungen des Grauens wertvolle Ergänzungen sein.
Insgesamt ein wertvolles Büchlein, das die Geschichtswerkstatt hier vorgelegt hat.
Alexander Biernoth
 
Theo Richmond: Konin. Auf der Suche nach der Stadt meiner Eltern. München: Bertelsmann 1997; als Taschenbuch Btb/Goldmann 1999, EUR 13,—.
“Dieses Buch schildert meine Rückkehr an einen Ort, an dem ich nie gewesen bin, über den ich nur wusste, dass er ein Teil meiner Vergangenheit darstellte und in seltsam besitzergreifender Weise auch Teil meiner Gegenwart war. Sein Name begleitete mich durch die Jahre meiner Kindheit und Jugend – manchmal aus weiter Ferne ... manchmal ... laut und bedrängend nah; er war immer da, irgendwo in den Tiefen des Unterbewussten, und weigerte sich loszulassen. Der Name jenes Ortes lautet Konin.”
So beginnt eines der bemerkenswertesten Bücher der letzten Jahre. Theo Richmond, Sohn eines nach Großbritannien emigrierten jüdischen Ehepaares aus dem westpolnischen Städtchen Konin, rekonstruiert darin die Alltagsgeschichte eines jüdischen Shtetls vor der Shoah. Eher zufällig nimmt er im Jahr 1987 das 1968 entstandene Gedenkbuch der Koniner Landsmannschaft in die Hand und stößt in dem Jiddisch verfassten Buch auf den Namen Ryczke, der Familienname vor der Anglisierung zu Richmond. Name auf Name, die Menschen alle ausgelöscht während der Shoah. Er beschließt, ein Buch über die Juden von Konin zu schreiben, das Gegenwart und Vergangenheit umfassen soll.
Fast mit Besessenheit beginnt er die Suche, die ihn von Großbritannien nach Israel und in die USA bis nach Konin selbst führen wird. Anfangs ist sein Weg von Enttäuschungen und Mißerfolgen gesäumt. Seine Eltern und andere Zeitzeugen sterben, ohne dass er ihre Erinnerungen festgehalten hat. Tonbänder, die ein Onkel mit seinen Memoiren besprach, werden versehentlich gelöscht, der letzte Zeuge für das Massaker an Juden im Wald nahe Konin ist so taub, dass die Verständigung unmöglich ist.
Nachforschungen führen ihn zu Ex-Koninern, deren Erinnerungen sein Mosaik der jüdischen Vergangenheit stetig wachsen lassen. Religiöse Rituale, Geburt, Heirat, Krankheit, Tod, Schulbesuch und Berufsleben werden lebendig. Richmonds Eifer stoppt nicht einmal bei der Beschreibung der sanitären Anlagen. Aber das Leben im Shtetl wird nicht glorifiziert, Armut, Entbehrung, Demütigung und die prekären Beziehungen zu den polnischen Nachbarn sind stets präsent.
Der deutsche Überfall auf Polen beendet jäh die Geschichte des Shtetls. Ende November 1939 und Mitte 1940 werden die etwa 2.700 Juden Konins ins Generalgouvernement deportiert, 1942 in Massenerschießungen und Vernichtungslagern ermordet. Nur wenige entkommen. Richmond nimmt Anteil am Leben dieser Überlebenden, die immer wieder vor der Frage stehen: Wie nach dem Holocaust leben, wie weiter an Gott glauben?  
Richmonds Reise nach Konin relativiert seine Vorstellung von der Stadt. Der Ort als solcher ist bedeutungslos; nur die in alle Welt verstreuten, lebenden oder längst verstorbenen oder ermordeten Menschen hatten ihn zu etwas Besonderem gemacht. Diesen Menschen, deren Geschichte er lebendig werden ließ, hat er mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt.
Edith Raim
 
Alfons Kenkmann / Christoph Spieker (Hrsg.): Im Auftrag: Polizei, Verwaltung und Verantwortung; Begleitband zur gleichnamigen Dauerausstellung - Geschichtsort Villa ten Hompel: Klartext-Verlag, Essen 2001, EUR 22,-
Im Mittelpunkt der Münsteraner Dauerausstellung “Im Auftrag: Polizei, Verwaltung und Verantwortung” steht die Einbindung der Polizei in die mörderische Rassenpolitik des nationalsozialistischen Staates. “Im Auftrag” wurde an diesem Ort der Verwaltung der Schriftverkehr unterzeichnet, der das Haus zwischen 1940 und 1995 verließ. Vom Befehlshaber der Ordnungspolizei ergingen Anweisungen zur Aufstellung der Polizeibataillone für Mordeinsätze in den besetzten Gebieten des Ostens. Mit bürokratischer Genauigkeit verwaltete der Mitarbeiterstab der Behörde nicht nur zivile Maßnahmen, sondern schuf mit seiner Arbeit auch die Voraussetzung zur physischen Vernichtung von Menschen.Diese Dauerausstellung unternimmt den Versuch, die Geschichte der uniformierten, der “grünen Polizei” zwischen 1924 und 1968 historisch zu rekonstruieren. Bundesweit zum ersten Mal zeigt eine Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit, wie Polizisten innerhalb von zwei Jahrzehnten von Verfassungsverteidigern zu Werkzeugen der Verfassungsbrecher, zum ausführenden Organ einer menschenverachtenden Vernichtungspolitik und nach der deutschen Kapitulation zu entschiedenen Leugnern ihrer Taten wurden. Ausstellung und Begleitband thematisieren sowohl historische Aspekte wie auch Fragen nach der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, nach Verdrängung und Aufklärung, nach Kontinuitäten und Brüchen im polizeilichen und bürokratischem Selbstverständnis.
Jakob Knab
PS: Auf Seite 192 des Begleitbandes zur Ausstellung wird auf “Geschichte quer” Heft 8 hingewiesen (Aufsatz über Adolf von Bomhard .
 
Peter Schnetz: Auftrag ‘Spieler’. Selbstverlag Bamberg, 2001. 220 Seiten, EUR 12,50
Jeder Bürger, der ein Interesse daran hat, kann bei der Bundesanstalt zur Aufbewahrung der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Stasi) nachfragen, ob Akten zu seiner Person vorliegen. Wenn ja, kann er einen Antrag auf Einsichtnahme stellen, dem meist stattgegeben wird.
Auch der in Bamberg lebende Schriftsteller Peter Schnetz, der 1969 vom Leipziger Bezirksgericht zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und nach einem längeren Gefängnisaufenthalt vom Westen freigekauft wurde, hat Akteneinsicht erhalten. Im vorliegenden Buch macht er seine Stasi-Akten der Öffentlichkeit zugänglich.
Man liest hauptsächlich in Berichten über die Beobachtungstätigkeit von Stasi-Mitarbeitern, in Listen, in denen die Ergebnisse einer Hausdurchsuchung dargestellt sind, in Vernehmungsprotokollen, gerichtlichen Beschlüssen und vielem mehr. Erklärungen und Kommentare des Autors machen Zusammenhänge deutlich. Vor allem wird klar, welche riesiger Aufwand gegen einen Schriftsteller betrieben wurde, dessen Arbeiten man für staatsgefährdend hielt.
Die Sammlung zeigt deutlich, wie sehr die Lebenskraft von Menschen durch das Vorgehen der Stasi vernichtet wurde.
PS: Der Beschlagnahmungswut der Stasi fielen auch die Originale zweier der Theaterstücke zum Opfer, Schnetz glaubte sie verloren. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht: abgedruckt in seinen Stasi-Akten.
Andreas Reuß